"Wall Street und der Aufstieg Hitlers" ist der dritte Teil einer Trilogie.
- Teil 1: "Wall Street und die bolschewistische Revolution"
- Teil 2: "Wall Street und FDR (Franklin Delano Roosevelt)"
Ich habe die ersten beiden Teile nicht gelesen. Sicherlich entgehen dem Leser dabei einige interessante Zusammenhänge, ich konnte dem Inhalt des dritten Teils aber dennoch problemlos folgen.
Wall Street und der Aufstieg Hitlers ist keine Anklage (wie auch die Rückseite des Buches verrät), es ist - abgesehen vom letzten Kapitel - frei von Bewertungen und Spekulationen. Es wird bis ins Detail dargestellt, wer, wann, wie, wieviel und über welche Kanäle, den Nazis Kapital zur Verfügung stellte. Es werden Verbindungen von (amerikanischen) Firmen zur IG Farben, z.B. durch Beteiligungen, technische Unterstützung, Absprachen oder verwandtschaftliche Beziehungen ihrer Direktoren sowie direkte Spenden an die Nazis aufgeführt, teilweise auch in Tabellen und Listen. Was mir ein wenig gefehlt hat, waren die m.E. dazu gehörigen politischen Ereignisse in Deutschland und USA. Sutton beschränkt sich größtenteils auf die Finanzierung und die Herstellung der Rüstungsgüter für die Nazis. Im Zentrum seiner Untersuchung steht klar die IG Farben.
Das ganze liest sich schon sehr trocken, ist aber aufgrund der Brisanz auch höchst interessant. Im letzten Kapitel "Schlussfolgerungen" zieht Sutton ein Resümee und lässt auch seine persönliche Meinung mit einfließen. Über dieses Fazit kann man natürlich streiten, da es die Meinung des Autors widerspiegelt. Ich jedenfalls stimme dem Autor zu. Einen kleinen Abschnitt aus diesen Schlussfolgerungen möchte ich hier zitieren:
"Das Zentrum der politischen Macht liegt laut der amerikanischen Verfassung beim gewählten Kongress und einem gewählten Präsidenten, die im Rahmen und unter den Einschränkungen der Verfassung arbeiten, die wiederum von einem unparteilichen Obersten Gericht ausgelegt wird. Wir sind in der Vergangenheit von der Annahme ausgegangen, dass die politische Macht folglich sorgfältig von der Exekutive und dem legislativen Zweig nach gebührender Überlegung und Aufnahme der Wünsche der Wählerschaft ausgeübt würde. Tatsächlich gibt es nichts, was weiter von der Realität entfernt sein könnte."
Der Inhalt des Buches basiert auf offiziellen Dokumenten der wichtigsten Regierungen im 2. WK, den Nürnberger Prozessen, sowie anderer Werke, die ebenfalls den 2. WK oder die amerikanische Wirtschafts- und Finanzelite untersuchen. Hier führt Sutton sogar auf, ob sich die Argumente anderer Autoren mit den seinen decken und entlarvt auch teilweise fragwürdige Quellen.
Für mich zeigt der Inhalt des Buches vor allem, dass sich die damaligen Strukturen der Regierungs-, Wirtschafts- und Finanzwelt von den heutigen Strukturen praktisch nicht unterscheiden. "Korporativer Sozialismus" nennt Sutton die damaligen Verflechtungen. Treffender kann man m.E. auch die heutige Situation in Deutschland und den USA kaum umschreiben.