"Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben / eine kleine Weile ob der Welt" - so eine Gedichtzeile der wunderbaren und unvergessenen Dichterin Gertrud Kolmar (1894-1943). Hier und in anderen Gedichten taucht immer wieder das Motiv "Einsamkeit" auf - direkt oder als Metapher. Eine Einsamkeit, die sich nicht zuletzt aus ihrem Anderssein als Jüdin in Deutschland (sie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und umgebracht), als Dichterin und Frau schmerzlich erfahren und in ihrer Dichtung immer wieder thematisiert wird.
Auch in der kleinen Erzählung "Susanna" - die jüdische Dichterin Gertrud Kolmar hat sie 1939/1940 geschrieben - taucht dieses Motiv auf. Es ist der letzte erhaltene Text und deshalb ein historisches und poetisches Dokument. "Susanna" ist aber auch ein Stück Biografie. Und es ist ein fast märchenhafter Text, ein großartiger Monolog über die Sehnsucht nach einer anderen, einer besseren Wirklichkeit. Er ist aber auch ein Stück weit Erinnerung - zum Beispiel der "alten Erzieherin mit grauem Scheitel". Sie hat Susanna, sehr fantasievoll, vermeintlich gemütskrank, betreut, verstanden. Die junge Frau aber lebt in einem eigenen, oft unwirklichen Kosmos. So wird sie sich wird später verlieben - in einen Fischadler und daran zugrunde gehen.
Eine wunderbare kleine Geschichte wie sie nur Gertrud Kolmar schreiben konnte. Die Sprache ist rhythmisch und sehr kraftvoll, voller starker Bilder und sehr poetisch. Es war - wie gesagt - der letzte Text dieser großen Dichterin und es klingt, als habe sie das Kommende bereits geahnt.