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In unnachahmlicher facettenreicher Weise nähert sich Dueck dem Thema. Er faßt den Leser sachte bei der Hand, um ihn langsam und unerbittlich auf die Erkenntnis unserer schrecklichen neuen Arbeitswelt hinzuführen: Supramanie entsteht durch das ständige Bewerten und Antreiben der Menschen mittels Punkte-Belohnungssystem in Verbindung mit der Einteilung in 3 KLassen, wobei stets das schwächste letzte Drittel abgemahnt, bedroht und schließlich ausgesondert wird. Eine verhängnisvolle, zerstörerische Tretmühle kommt in Gang. Menschen werden zur Sisyphusarbeit angetrieben und scheitern schließlich.
Das Buch ist die Fortsetzung von Duecks letztem Werk "Omnisophie", das man aber zum Verständnis von Supramanie nicht unbedingt gelesen haben muß. Die Grundstimmung ist hier im Gegensatz zu "Omnisophie" erschreckend und düster; denn Supramanie führt zwangsläufig zur Ausbeutung von Ressourcen und zum Verschleiß von Menschen. Durch sich widersprechende Anforderungen und frühzeitiges Abstrafen wird der Mensch dressiert und im Arbeitsleben zur ständigen Selbstausbeutung angetrieben. Es zählt nur noch das Punktesystem. Wenn Leistung jedoch allein auf das Erzielen guter Punktzahlen abzielt, bleiben die weichen menschlichen Qualitäten wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Liebe und Freude an der Arbeit auf der Strecke. Die Arbeitswelt verkommt zum Kriegsschauplatz, und im Krieg ist jedes Mittel erlaubt. Es beginnt ein tödliches Rennen um Punkte und den ersten Platz. Jeder muß sich selbst unentwegt bis über seine Grenzen verausgaben. Wer das nicht schafft, wird zum Schummeln und Taktieren genötigt, wobei die einzelnen Menschentypen jeweils zu unterschiedlichen Mitteln greifen.
Das alles beleuchtet Dueck und belegt es mit zunächst amüsanten, später mehr und mehr ergreifenden Geschichten aus dem Alltag. Hier liegt für mein Gefühl die allergrößte Stärke dieses Buches. Trotz akribischer Beschreibung der erschreckenden Tatsachen im gnadenlosen supramanischen Geschäftsleben bewahrt sich Gunter Dueck Menschlichkeit und Mitgefühl; denn er nimmt Anteil und ist selbst ein Betroffener. In der Dunkelheit des Systems wird dadurch dem Leser die Fackel der Selbsterkenntnis aufgesteckt.
Das Buch ist ein Leckerbissen für alle Dueck-Fans und hat wieder das Zeug zum Kultbuch. Die geistig Hungrigen werden es trotz des bitteren Inhaltes freudig verschlingen (ich riß sogleich das Bücherpaket auf und las das Vorwort noch im Auto auf dem Parkplatz des Postamtes), und ich freue mich schon auf den angekündigten dritten Folgeband zum Thema: "Topothesie".
In Omnisophie werden wahre, natürliche, richtige Menschen sehr ausführlich erklärt und die Basis für dieses Buch geschaffen; meiner Meinung lassen sich die Bücher auch in anderer Reihenfolge lesen, um dieses Buch zu verstehen, genügt die Zusammenfassung am Anfang.
Während der erste Teil dieses Buches kristallklar erklärt, was die wahren, richtigen und natürlichen Menschen brauchen und wollen und sogar erklärt wie das zu machen ist (der Sinn des Lebens mal so nebenbei entdeckt), zeigt der Autor im zweiten Teil wie die Welt zur Zeit funktioniert, wie das System, in dem wir leben uns schiebt und drückt und was in uns passiert, wenn wir dem nicht gewachsen sind (und/oder nie so wachsen wollten). Der Autor muss erst einmal passende Werkzeuge erfinden ("Supramanie", "Topimierung" (siehe auch "Wild Duck" - doch hier wesentlich erweitert)), um dann mit diesen schonungslos unsere Systeme mit scharfen Klingen zu sezieren. Er lässt den Leser (und sich selbst) betroffen zurück, denn was wir wollen und was wir haben passt heutzutage auf eine ganz tiefgreifende Art nicht zusammen.
Und um im Sinne der Supramanie zu sagen: Dieses Buch müsste 6 von 5 Sterne bekommen.
Nun mehr vom Samenkorn:
Kennen Sie „das Pendel" von E.A. Poe? Ich habe es vor ungefähr 18 Jahren gelesen. Dennoch war mir beim Lesen von „Supramanie" dieses Bild im Kopf.
Bei Poe's Erzählung wird ein Mensch auf eine Art Tisch gefesselt, soweit ich mich richtig erinnere. Über ihm ein riesiges, rasiermesserscharfes Pendel, das quälend langsam sich herabsenkt mit jeder Pendelbewegung tiefer, bis es das gefesselte Opfer töten wird. Ganz langsam.
In den heutigen Systemen ist es ähnlich. Über uns das todbringende Pendel in Form des impliziten Vorwurfs: „Du bist unwert", das messerscharf über unseren Herzen hin und her schwingt. Gefesselt durch das, in der Kindheit implantierte Minderwertigkeitsgefühl.
Es geht in „Supramanie" wohl hauptsächlich darum, wie die Furcht vor diesem Pendel systematisch!! eingesetzt wird um Höchstleistung zu erzwingen.
Auf Kosten unserer Lebenswerte auf der Dueck-Pyramide! Unserer Lebensenergie.
Erreicht wird dadurch aber meist nur das Vorgeben von Leistung! Punktekrieg!
Oder hat ein Folterkeller der „heiligen Inquisition" jemals einen Christen hervorgebracht??
Gunter Dueck beginnt künstlerisch Ausdrucksstark mit der Beleuchtung der Mechanik der Suprasysteme. Wunderschön und scharfsinnig wird das Innerste dargestellt. Des Pudels Kern wird aber immer mehr zum eigenen, da wir ja die Suprawerte implantiert bekamen. Und im Laufe des Beschreibens der Topimierungsformen (wie schon in „Wild Duck" doch diesmal noch punktgenauer) wird der Finger so gnadenlos in unsere empfindlichsten Wunden gelegt, dass ich mich schutzlos und Selbstbild-zerzaust wiederfand.
Es geht ja dabei um nichts geringeres, als unsere Lebenslügen mit denen wir versuchen Punkte zu ergaunern von unseren Chefs, unseren Familien, von Gott?! Um von dem Pendel noch ein paar Minuten verschont zu bleiben. Da werden Sie vielleicht sogar ein wenig böse, weil es so weh tut.
Das liegt in der Sache.
Doch wenn Sie dennoch weiter lesen (was Sie unbedingt tun sollten), dann wird der reißende Fluss wieder ruhiger. Und Sie können sich gemeinsam mit dem Autor die Frage stellen, ob Sie dort bleiben wollen, so gefesselt unter dem Diktat des Höherwertigkeitswahns. Auch ein paar Gedanken über einen Ausweg werden angestellt. Eine Lösung ist noch nicht wirklich in Sicht. Aber wir könnten uns auf den Weg machen...
Und so klingt Supramanie aus.
Ein Buch, das mich geschmedig wie ein Monolog des Mephisto in „Faust" fesselte und mich hineinzog in das hoffnungslose Dunkel, das Erinnerungen an meinen Besuch des Kinofilms „Herr der Ringe2" wach rief. Mich schließlich entlassen hat, irgendwie angerührt, als hätte ich die Callas die Violetta in „La Traviata" singen gehört.
Nun genieße ich das Wachsen des Pflänzchens in mir, das meine Seele formt und bereichert.
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