"Superman For All Seasons" ist eine liebevoll erzählte Superman-Origin-Story. In Stimmung und Look ist sie sehr nostalgisch, im Erzählstil sehr ruhig und balladenhaft gehalten. Vor allem aber ist "Superman For All Seasons" eine einzige getragene Feier des "american way", besser gesagt: des Mythos vom guten, alten, ehrlichen "Herz Amerikas".
Die verschlafene, aber liebenswerte Kleinstadt Smallville, in der jeder jeden kennt, jeder seinen Platz hat und die Moral der Gesellschaft und des Einzelnen noch unbeschädigt ist, ist der Kern des ganzen Comics. Um Smallville und seine Werte dreht sich alles, nach Smallville kehrt Superman immer wieder zurück, wenn ihn Zweifel über seine Rolle plagen. Für welche Werte aber Smallville in den Augen Jeff Loebs steht, wird durch nichts prägnanter illustriert als durch die Rollen der beiden Frauen in Supies Leben. Lana Lang ist das grundgute Mädchen vom Lande, das seit seiner Kindheit davon träumt, Clark zu heiraten, viele Kinder mit ihm zu haben, die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter auszufüllen und mit Clark gemeinsam in Smallville in die Fußstapfen der alten Kents zu treten. Die Überhöhung dieses alten Rollenbildes wird nirgends in Frage gestellt, und damit wäre "Superman For All Seasons" ein gefundenes Fressen für jedes feministische Seminar an den Universitäten. Lois Lane dagegen erscheint in diesem Comic als selbstverliebte, arrogante Karrierefrau (eine wahrhafte "Zicke"), die Clark am Arbeitsplatz in der Redaktion derart empörend behandelt und herumschubst, dass man schon von Mobbing sprechen könnte. Die alten Kents haben für Clark immer gute, tiefschürfende moralische Ratschläge parat - mit ihrer Scholle und ihren Traditionen verwurzelt, wissen sie immer, wo's langgeht. Selbst die Kirche und der Reverend werden in dieser ländlichen Idylle nicht ausgespart und bilden unverrückbare Fixpunkte der moralischen Orientierung. Und Clark selbst? Er erscheint eigentlich wie ein ziemlich - sorry - tumber, grobschlächtiger Bauerntölpel, der unentwegt Ratschläge für sein künftiges Leben braucht und, noch tumber, vollkommen blind dafür zu sein scheint, wie Lana ihn anhimmelt.
Die amerikanische Provinz, die hier mythisiert wird, ist unverkennbar die Provinz der späten 50er-, frühen 60er-Jahre (auch erkennbar an den Klamotten wie Lanas petticoatartige Röcke und dem heckflossenbewehrten Police Car auf S. 21). Gut möglich, dass Loebs eigene, rosarote Kindheits- oder Jugenderinnerungen hier mit ihm durchgegangen sind. Auf jeden Fall ist "Superman For All Seasons" der altmodischste Superman-Comic, den ich je gelesen habe.
Beim Zeichenstil von Tim Sale bin ich zwiegespalten. Einerseits findet er schöne Perspektiven, gelungene Kompositionen. Andererseits wirkt sein Stil wie aus einem Kinderbuch entsprungen (ich fühlte mich an "Petterson und Findus" erinnert), die Gesichter der Kerle (vor allem Supies) sind viel zu schematisch, und Clark Kent/Superman wirkt wie ein gigantischer Klotz, manchmal doppelt so groß wie die anderen Figuren. Gewöhnungsbedürftig.
Dennoch ist der Comic lesenswert. Der sehr ruhige Erzählstil ist eine angenehme Abwechslung. Und außerdem, das muss ich gestehen, hat mich dieses idyllische Smallville und Lanas Idealbild vom süßen, einfachen Mädchen trotz aller kritischer Distanz gefangen genommen. Wenn man auch ständig gewahrt, dass es nur ein Märchen ist, eine derart grundgute Provinz, derart grundgütige, engelsgleiche Mädchen so nie existiert haben und das präsentierte Ideal insgesamt auch sehr fragwürdig ist - man schwelgt doch darin und genießt es. Es ist Kitsch - eben zum Seufzen schön!