Aus der Amazon.de-Redaktion
Am liebsten wäre Christopher in einer Weltraumkapsel allein auf endloser Fahrt. Die Menschen, ihre Launen und Stimmungswechsel sind dem autistischen Jungen ein ewiges, kaum lösbares Rätsel. Seine Welt stellt sich als streng logisches Fakten- und Zahlenwerk dar. Er schätzt es nicht, angefasst zu werden, nimmt Speisen nur an, wenn sie einander auf dem Teller nicht berühren und nennt die Welt der Primzahlen sein Zuhause. Und Sherlock Holmes natürlich, der in seiner glasklaren Logik für den Jungen ein natürliches Vorbild darstellt. Folgerichtig schlüpft Christopher, als er Wellington, den Hund der Nachbarin Mrs. Shears, mit einer Mistgabel erstochen auffindet, in die Rolle des viktorianischen Superhirns.
Die Story, versehen mit zahlreichen Schautafeln, Zeichnungen und Tabellen aus Christophers überreicher Innenwelt, entwickelt gehörige Spannung und staubtrockenen Humor. Ganz gegen den Willen seines Vaters beginnt Christopher seine "Ermittlungen", wird mit einem mehr als unvermuteten Hundekiller konfrontiert, enttarnt ungeahnte amouröse Verflechtungen und löst so nebenbei das Geheimnis um seine "verstorbene" Mutter.
Wichtiger und spannender jedoch: Der Leser erhält ein seltenes und kostbares Seelenporträt eines Autisten. Wie lebt ein Junge, der das Mienenspiel seiner Mitmenschen nicht deuten kann? Der ihre metaphernreiche Sprache (Wörter wie "futtern" oder "Augapfel" sind für Christopher beständige Fallstricke) nicht versteht? Der immer die Wahrheit sagt? Dem ein strikter Tagesablauf alles bedeutet, neue Eindrücke hingegen zum gefährlichen Kollaps führen können? Durch den Spiegel von Christophers Auge erleben wir uns Menschen gleichsam als unlogische Geisteszwerge und emotionale Irrläufer, dauerbehindert durch Gefühle, Ressentiments, aber eben auch durch Zweifel und Skrupel. Mark Haddon hat uns mehr als einen Krimi geschenkt -- einen wundervollen Einblick in eine fremde Seelenwelt. --Ravi Unger
Pressestimmen
"So etwas Witziges und zugleich verzweifelt Wahres habe ich noch nie gelesen. Gleich zwei Exemplare kaufen: Man verleiht dieses Buch ja doch nicht." (Arthur Golden)
"... toll geschrieben, ein Buch, das man gerne von vorne bis hinten liest." (LESEN, Elke Heidenreich)
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die Zeit
"Dieses Buch ist aus dem Stoff, aus dem Lieblingsbücher sind: warm, witzig und sehr, sehr klug. In England war 'Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone' ein Superhit. Nichts anderes hat der ungewöhnliche Superheld Christopher Boone verdient."
Brigitte
"Zur flirrenden Tragikomödie wird diese Geschichte dadurch, das der 'naive', weil zum Lügen unfähige Held mit einer Welt der Verstellung und Heuchelei zusammenprallt. Die abgründig-sanften Knalleffekte, die dabei entstehen, sind ebenso amüsant wie anrührend ... Wer sich ein paar supergute Stunden machen will, ist mit Mark Haddons Autisten-Story bestens bedient."
tz
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Über den Autor
Auszug aus Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone. von Mark Haddon. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es war 7 Minuten nach Mitternacht. Der Hund lag mitten auf dem Rasen vor Mrs. Shears' Haus, und seine Augen waren geschlossen. Obwohl er auf der Seite lag, sah es aus, als würde er rennen, so wie Hunde rennen, wenn sie im Traum einer Katze nachjagen. Aber dieser Hund rannte weder noch war er am Schlafen. Er war tot. Eine Mistgabel ragte aus dem Fell hervor. Die Zinken mussten sich ganz durch den Hund bis in den Boden gebohrt haben, denn die Gabel stand senkrecht. Ich dachte mir, dass man den Hund wahrscheinlich mit der Mistgabel getötet hatte, denn andere Wunden waren an seinem Körper nicht zu sehen; und ich glaube, niemand würde eine Mistgabel in einen Hund rammen, wenn dieser schon an etwas anderem gestorben ist, zum Beispiel an Krebs oder durch einen Verkehrsunfall. Aber so richtig sicher war ich mir natürlich nicht.
Ich trat durch das Gartentor von Mrs. Shears und machte es hinter mir zu. Dann ging ich über den Rasen und kniete mich neben den Hund. Ich legte die Hand auf seine Schnauze. Sie war noch warm.
Der Hund hieß Wellington. Er gehörte Mrs. Shears, einer Freundin von uns. Sie wohnte auf der anderen Straßenseite, zwei Häuser weiter links.
Wellington war ein Pudel. Aber nicht einer dieser kleinen Pudel, denen man das Fell trimmt, sondern ein großer. Er hatte lockiges schwarzes Fell, aber wenn man näher heranging, konnte man sehen, dass die Haut unter dem Fell ganz hellgelb war, wie bei einem Hühnchen.
Ich streichelte Wellington und überlegte, wer ihn wohl umgebracht hatte, und warum.
[...]
5
Ich zog die Mistgabel aus dem Hund, nahm ihn in die Arme und drückte ihn an mich. Aus den Wunden tropfte Blut.
Ich finde Hunde gut. Man weiß immer, was sie denken.
Sie haben nur vier Stimmungen: glücklich, traurig, ärgerlich und aufmerksam. Außerdem sind sie treu. Und Hunde lügen nicht, weil sie nicht sprechen können.
Ich hatte den Pudel 4 Minuten lang an mich gedrückt, als ich jemanden schreien hörte. Ich schaute auf und sah Mrs. Shears von der Terrasse her auf mich zurennen. Sie trug Schlafanzug und Morgenrock. Ihre Zehennägel waren hellrosa lackiert, und sie lief barfuß.
»Scheiße!«, schrie sie, »Was hast du mit meinem Hund gemacht?«
Ich kann es nicht leiden, wenn Leute mich anschreien.
Ich kriege dann immer Angst, dass sie mich schlagen oder anfassen, und weiß nicht, was als Nächstes passieren wird.
»Lass den Hund los!«, schrie unsere Nachbarin. »Verdammt noch mal, lass ihn los!«
Ich legte Wellington auf den Rasen und rutschte einen Meter zurück.
Sie beugte sich hinunter. Ich dachte, Mrs. Shears würde den Hund jetzt auch aufheben und in den Arm nehmen, aber das tat sie eben nicht. Vielleicht hatte sie das viele Blut bemerkt und wollte sich nicht schmutzig machen. Stattdessen begann sie jetzt wieder loszuschreien.
Ich hielt mir die Ohren zu, schloss die Augen und rollte mich nach vorn, bis ich zusammengekauert dalag, die Stirn ins Gras gepresst. Das Gras fühlte sich nass und kalt an. Das war schön.
7
Dies ist ein Kriminalroman, in dem ein Mord passiert.
Siobhan hat mir gesagt, ich solle etwas schreiben, das ich selber gerne lesen würde. Meistens lese ich Bücher über Wissenschaft und Mathematik. Romane dagegen gefallen mir nicht so gut. In richtigen Romanen sagen Leute zum Beispiel: >Ich bin mit Eisen und Silber geädert, mit Dreck gemasert. Ich kann mich nicht zu jener starken Faust schließen, zu der jene sich ballen, die nicht vom Ansporn abhängig sind.<* Was soll das heißen? Ich habe keine Ahnung. Vater weiß es auch nicht. Siobhan und Mr. Jeavons ebenfalls nicht. Ich habe sie alle gefragt.
Siobhan hat langes blondes Haar und trägt eine Brille aus grünem Kunststoff. Und Mr. Jeavons riecht nach Seife und trägt braune Schuhe mit jeweils etwa 60 winzigen kiesrunden Löchern drin.
Ja, Kriminalromane mag ich gern. Deshalb schreibe ich jetzt einen.
In Kriminalromanen geht es darum, dass jemand herausfindet, wer der Mörder ist, und ihn dann festnimmt. Es ist ein Puzzle. Wenn das Puzzle gut ist, bekommt man die Lösung manchmal schon heraus, bevor das Buch zu Ende ist.
Siobhan hat mir erklärt, dass schon der Einstieg eines Buches den Leser fesseln müsse. Daher habe ich mit dem Hund angefangen. Aber ich habe auch deshalb mit dem Hund angefangen, weil ich das selbst so erlebt habe, und ich kann mir nur sehr schwer Sachen ausdenken, die mir selbst nicht passiert sind.
Als Siobhan die erste Seite gelesen hatte, sagte sie, das müsse man anders machen. Das Wort »machen« hat sie in Gänsefüßchen gesetzt, in diese gekrümmten Anführungszeichen, die sie mit Zeige- und Mittelfingern in die Luft schreibt. Sie sagte, in Kriminalromanen würden normalerweise Menschen getötet. Ich habe erwidert, dass in Der Hund von Baskervilles doch gleich zwei Hunde getötet würden, der im Titel genannte Hund und James Mortimers Spaniel, aber Siobhan hat nur gemeint, die Mordopfer seien gar nicht die beiden Hunde, das Mordopfer sei Sir Charles Baskerville. Und zwar deshalb, weil man sich als Leser mehr für Menschen interessiere als für Hunde, und sobald in dem Buch ein Mensch getötet werde, würde man gern weiterlesen.
Ich erklärte ihr, dass ich gern über etwas schreiben wolle, was wirklich passiert ist, und dass ich zwar Leute kenne, die gestorben wären, aber niemanden, der umgebracht worden wäre, abgesehen von Mr. Paulson, den Vater von Edward aus der Schule, und das war kein Mord, sondern ein Unfall beim Segelfliegen, und außerdem habe ich ihn gar nicht richtig gekannt. Ich sagte ihr auch, dass ich mir sehr viel aus Hunden mache, denn sie seien treu und ehrlich und manche unter ihnen seien auch klüger und interessanter als bestimmte Menschen. Als Steve zum Beispiel, der jeden Donnerstag in die Betreuung kommt und der beim Essen Hilfe braucht und nicht mal einen Stock apportieren kann. Siobhan hat mich gebeten, so etwas nie zu Steves Mutter zu sagen.
* Als Mutter mich einmal in die Stadtbücherei mitnahm, habe ich diese Sätze in einem Buch gelesen.