Aus der Amazon.de-Redaktion
Zuerst will man nur ein paar Kilo abnehmen, weil man sich "fett" und hässlich fühlt. Wer den Hunger besiegt, fühlt sich stark und klasse -- doch plötzlich kann man nicht mehr aufhören zu hungern, kriegt Fressanfälle und steckt dann den Finger in den Hals, um die Kalorien wieder rauszukotzen. Ein Teufelskreis beginnt, der nicht selten im Krankenhaus endet. Dabei ist eigentlich nicht der Körper krank, sondern die Seele. Kathrin Seyfahrt hat aus diesem Grund einen tollen Ratgeber für alle, die sich irgendwie selbst "satt" haben, geschrieben.
Wer wissen will, wie man erste Warnzeichen für Magersucht oder Bulimie erkennt, wer testen will, ob er selbst gefährdet ist oder wer sich über Hilfsangebote informieren möchte: In diesem Ratgeber gibt es Tipps und Infos von Experten und viele Erfahrungsberichte betroffener Mädchen und Frauen. Kathrin Seyfahrt ist auch eine von ihnen: Sie hat selbst jahrelang unter heftigen Essstörungen gelitten und gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt.
In ihrem Ratgeber will sie deshalb auch keine Moralpredigten halten oder alles schön reden. Sie beschreibt verständnisvoll die Probleme in der Schule, zu Hause und im Freundeskreis, die einem an den Magen gehen. Ihr Buch gibt Mut, sich dem Problem zu stellen und macht eine ganz klare Ansage: Selbstwertgefühl und Schönheit werden nicht in Kilo gemessen! --Dagmar Rosenberger
Kurzbeschreibung
Der Autor über sein Buch
Schlank sein heißt automatisch attraktiv, glücklich, und beliebt zu sein - zumindest scheinbar. In Wahrheit rutschen gerade junge Mädchen immer öfter in den Teufelskreis der Essstörugnen hinein.
Wer wissen will, wie man erste Warnzeichen erkennen kann, wer testen will, ob sie selbst gefährdet ist, oder wer sich über Hilfsangebote infor- mieren möchte, findet hier eine Vielzahl konkreter Infos, Fallbeispiele und Statements von Experten.
Kathrin Seyfahrt, die ihre eigene Magersucht besiegt hat, macht allen Betroffenen und deren Freunden und Verwandten Mut, sich dem Problem zu stellen.
Über den Autor
Auszug aus SuperSchlank? Zwischen Traumfigur und Essstörungen. von Kathrin Seyfahrt. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Als ich zu hungern anfing, hatte ich nur ein Ziel vor Augen: eine tolle Figur! Später war es nicht mehr meine Traumfigur, die ich anvisierte die hatte ich längst erreicht , sondern nur noch die Waage und mein immer geringer werdendes Gewicht. Das allein zählte und vermittelte mir eine immense psychische Stärke. Ich hatte meine Schwächen besiegt. Ich war zu etwas Besonderem geworden.
Abnehmen hieß Leistung, Erfolg, Kraft, Stärke. Das Gewicht halten oder Zunehmen aber bedeutete Misserfolg, Unzufriedenheit und Schuldgefühle. Alles drehte sich um den Zeiger der Waage, der zwischen 39 und 40 Kilo pendelte. Dieser Zeiger beherrschte mich tagein, tagaus. Selbst als ich mich schon knochig fand, hungerte ich weiter. Auch dann noch, als mir mein Dünnsein erhebliche Beschwerden bereitete. Ich fror entsetzlich, nach jeder kleinen Anstrengung war ich erschöpft, ich fiel häufig hin, weil mir die Beine wegsackten, Sitzen auf harten Stühlen war eine Tortur. Trotzdem: Ich nahm alles in Kauf. Abnehmen war wichtig. Abnehmen war das Wichtigste. Es war mein Leben.
Mein Verstand, der mir zuweilen etwas anderes sagte, zählte nicht mehr. Wollte jemand mir raten zuzunehmen, wehrte ich mich mit Händen und Füßen, wurde aggressiv und zog mich zurück. Abnehmen allein machte mein Selbstwertgefühl aus, gab mir Bestätigung, Stärke, Geborgenheit, bot mir Hilfe bei der Bewältigung meiner Probleme.
Immer schon wollte ich etwas anderes sein. Wollte Außergewöhnliches leisten, mehr wissen, mehr können als andere. Ich wünschte mir, perfekt zu sein. Aber im Vergleich zu anderen fühlte ich mich minderwertig.
Die Magersucht gab mir die Möglichkeit, etwas Besonderes zu werden. Ich spürte auf einmal meine Persönlichkeit. Im Nachhinein betrachtet, war das alles natürlich eine Selbsttäuschung, ein leerer Wahn. Auch ich hatte betrogen: mich selbst, mein Ich, meine Persönlichkeit. In einem Tagebuch-Auszug schrieb ich:
»... Ich will mich gern so nehmen, wie ich bin. Wie bin ich eigentlich? Getrennt in mir, zerrissen, zerstritten mit mir, einsam in mir, ausgekämpft in mir, getäuscht mich selbst, versteckt in mir. Ich bin so uneinig mit mir. Ich will meine Maske so gern zersprengen.
Verzweiflung! Verbitterung! Ich suche Halt, weil ich Angst habe vor dem Verlust in mir selbst. Ich habe panische Angst vor dem gänzlichen Abgeschnittensein. Ich hasse das Alleinsein. Ich finde keinen Ausweg. Mich kränkt es, wenn ich übergangen werde. Warum versagt mir die Sprache? Ich will doch Kontakt aufnehmen. Ich will sprechen. Warum stehe ich nur stumm da, was hält mich zurück? Meine eigene Feigheit? Angst vor Verletzung und Enttäuschung? Meine Unfähigkeit, selbstlos zu sein? Ich suche unersättlich nach Anerkennung ich jage ihr nach. Werde ich sie je erreichen? Was trennt mich von den anderen? Ich fühle mich unendlich leer und mutlos, kraftlos und ausgehöhlt. Ausgehungert nach Anerkennung und Zuneigung.«
Als ich es nicht mehr aushielt, weil ich an einer Grenze angekommen war, an der ich die Bedingungen, die ein weiteres Abnehmen erfordert hätte, nicht mehr erfüllen konnte, entschloss ich mich zu einem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Nach der Zeit der Isolation und dem Wissen, nicht dazuzugehören, immer abseits zu stehen, spürte ich in der Klinik Geborgenheit und Schutz. Ich konnte mit Menschen über die Magersucht sprechen und wurde verstanden. Da war zum Beispiel Carola. Sie hatte die gleichen Gefühle und Gedanken wie ich, hatte Ähnliches erlebt und ähnlich gehandelt. Es waren die vielen Gemeinsamkeiten, die mir besonders während der ersten Wochen in der Klinik halfen, aus meiner Isolation herauszukommen und anzufangen, an ein anderes Leben für mich zu glauben.
In den Gesprächen erschrak ich oft darüber, mit meinem eigenen verlogenen Leben sowie den unzähligen Selbsttäuschungen konfrontiert zu werden. Aber gleichzeitig gab mir Carola (und auch andere Magersüchtige) das Gefühl, mit meinen Ängsten, Problemen und Schwierigkeiten nicht allein zu sein. Man half mir, zu mir und meiner Vergangenheit zu stehen.
Wie vieles hatte ich verdrängt und auch vor mir selbst nie aussprechen und zugeben dürfen. Die Gespräche gingen tiefer, sie berührten die Ursprünge meiner Magersucht, und ich bekam Angst. Aber so, wie ich nie Gefühle hatte zeigen können und wollen, weil das in meinen Augen Schwäche gewesen war, konnte ich auch meine Angst niemandem zeigen. Stattdessen wurde ich aggressiv und verschlossen. Ich zog mich zurück.
An solchen Tagen bin ich fast verzweifelt und habe mich immer wieder gefragt, wofür ich eigentlich kämpfen soll, wofür?
Nach einigen Wochen in der Klinik war mir klar geworden, dass ich endgültig meine Fassade aufgeben musste, wenn ich wirklich ein anderes Leben wollte. Und das wollte ich! Ich wollte auch nicht mehr fliehen, wie ich es sonst immer getan hatte.
Mein erster Klinikaufenthalt währte drei Monate, dem eine ambulante Therapie folgte. Drei Jahre später machte ein Rückfall noch einmal einen sechswöchigen Klinikaufenthalt notwendig. Von dort entlassen, ging es langsam, aber kontinuierlich aufwärts. Krisensituationen traten gelegentlich auf, aber ich hatte gelernt, mit ihnen umzugehen.
Ich habs geschafft!
»Es gibt einen Weg, den niemand gehen kann außer dir. Frage nicht, wohin er führt, sondern gehe ihn!« das sagte Friedrich Nietzsche.
Ein Satz, der für mich heute zum Leitfaden geworden ist. Mein weiterer Weg wird auch nicht immer eben sein. Ich werde stolpern, gelegentlich stocken. Ich werde ihn aber immer wieder aufnehmen.
Kathrin Seyfahrt