"Sunset" ist der Titel einer Sammlung von 13 Kurzgeschichten, die Stephen King in einem Band gesammelt und 2008 herausgebracht hat. Es ist wohl kein Zufall, dass King gerade in vielen seiner Short Stories zur Höchstform aufläuft, denn hier in der knappen Form muss er seine überbordende Schreiblust ein wenig bändigen, die in seinen langen Romanen manchmal etwas mühsam ist. Die Geschichten sind unterschiedlich lang: manche haben nur wenige Seiten, die drei längsten erreichen mit ihren jeweils siebzig Seiten schon fast Novellen-Länge. Zugegeben: in "Sunset" sind nicht alle Erzählungen gleich gelungen (zumindest zwei hätten mir nicht gefehlt), aber sie sind zumeist dramaturgisch perfekt durchkomponiert, psychologisch durchdacht und ansprechend erzählt. Sie erzählen von Urängsten, Träumen und Tod, von Liebe, aber öfter von gescheiterten Beziehungen und manchmal schlicht und einfach vom Bösen in (und außerhalb) der Welt. Und außerdem - und das sollte man bei King nie außer Acht lassen -: sie sind uramerikanisch und erzählen einiges über den Zustand und die Befindlichkeit der US-Gesellschaft.
Die Stories von "Sunset" sind KEINE Horrorstories - mit Ausnahme der "Höllenkatze": einer perfiden und grauenvollen Geschichte einer rächenden Katze - interessant, dass gerade diese Erzählung schon Jahrzehnte alt ist. Auch "N.", für mich die literarisch und stilistisch wertvollste Geschichte, bietet Horror - dieser breitet sich aber mehr in den menschlichen Innenwelten aus, wobei die Grenzen zur Geisteskrankheit fließend erscheinen. Die meisten Stories jedoch sind dem Mystery-Genre zuzuordnen, unheimlich und/oder phantastisch; manchmal einfach realistische Erzählungen mit dem Ausmalen von Alptraum-Situationen (wie im sehr guten, ziemlich Ekel erregenden "In der Klemme", in dem ein mobiles Toilettenhäuschen zur anscheinend tödlichen Falle wird).
Immer wieder tauchen angesichts mancher schwächerer Bücher Befürchtungen auf, Stephen Kings kreative Energie könnte nach einigen produktiven Jahrzehnten nachlassen. Aber "Sunset" wie auch der zeitgleich entstandene und furios geschriebene Roman "Wahn" zeigen deutlich: zu Sorgen ist kein Anlass.