Boulevard der Dämmerung (Sunset Boulevard). USA 1950
Mit: William Holden, Gloria Swanson, Erich von Stroheim, Nancy Olson, Cecil B. DeMille, Buster Keaton, Anna Q. Nilsson, H. B. Warner u. A. Regie: Billy Wilder
Genre: Drama > Film Noir > Liebesfilm > Medienfilm
Das ist ein Film, der bis ins Mark der Seele reicht. Die Personen darin bewegen sich ständig und streben nach etwas - aber eigentlich geht es um innerste Beweggründe und Motive des Daseins. Die beiden Hauptdarsteller könnten unterschiedlicher nicht sein, und teilen doch so Manches und nicht nur den Faden Liebe, der sie für einen kurzen Augenblick aneinandergebunden hat. Holden ist kein Unschuldslamm. Er benützt die einstige Stummfilmdiva zu seinen persönlichen Interessen. Sie aber ist auch nicht gerade die Besonnenste, wenn sie sich einen jungen Lover aufhalst, der sie unmöglich lieben kann als Frau. Die Gier ist überlebensgroß auf beiden Seiten. Er ist hungrig nach dem Durchbruch seiner Drehbücher in dem Eldorado Hollywood, sie nach der Rückkehr zu Starruhm. Doch auf diesem bitteren Weg blieben hundert- und tausendfach mehr auf der Strecke, als welche hineingelangten ins Mekka des Ruhms. Und um welchen sinnlosen Preis?! Um den höchsten Preis des eigenen Selbstverlustes. Statt im Rampenlicht der Erleuchteten, endet sie als lebende Leiche in der Irrenanstalt, er als redende Leiche im Swimmingpool. Sie haben sich aneinandergerieben, sie haben sich gegenseitig zerrieben. Warum haben sie sich das angetan? Warum ist sie zu seiner Mörderin geworden? Das ist kein Spoiler, denn der Ausgang wird im Anbeginn des Films offenbart. Holden liegt tot im Swimmingpool und seine Stimme reflektiert über sich selbst und wie es dazu kam. Genial diese Idee, einen Toten in Ichform die Geschichte nachträglich erzählen zu lassen. Ein Toter kann nichts Falsches sagen, sondern alles wird vollkommen objektiv aus der Distanz analysiert - die ganze verhängnisvolle Wucht der Verstrickung, aus der es kein Entrinnen gibt - in die sich jedoch die beiden Beteiligten mit vollem Elan hineinbegaben. Das ist Film Noir. Und in diesem Stil entfaltet sich der dunkelgraue Film über Liebe, Sehnsucht, Gier und die Dialektik des Daseins. Schon die Umstände und Hintergründe der Filmproduktion waren atemberaubend. Kein fertiges Drehbuch, Improvisationen am Set, Streitereien, Interventionen, Einmischungen, Zensur, Täuschungen mit dem Titel und Thema des Films, Tarnungen, Vertuschungen, echte Tränen Swansons unmittelbar nach ihrem letzten, tragischen Part. Abgesehen von der grundsätzlich lebens- und weltentfremdeten Diva muß man objektiverweise sagen, dass Norma Desmond (Swanson) das volle Recht besitzt, ihr Leben in Würde und Respekt zu realisieren. Ein älterer Mensch steht einem jüngeren in nichts nach. Es ist ja gar nicht wahr, dass ältere Menschen zu altem Eisen gehören und keine Chance verdienen auf ihre künstlerische Kreativität. Im Gegenteil - oft sind sie wesentlicher, voller und tiefer in ihrem Ausdruck als die jüngeren. Es ist eine Tatsache, dass ältere Menschen genauso viel zu sagen haben, wie die jüngeren. Wogegen sich also Norma Desmond berechtigterweise auflehnt, ist die Borniertheit der Macher, welche ständig nach frischem, jungem Fleisch schnüffeln und die Schönheit der herbstlichen Reife übersehen. Sie kämpft ja nur um ihr Stück Würde auf ihrem Weg des Älterwerdens - Und das mit vollem Recht, obzwar mit falschen Mitteln. So gesehen ist Norma Desmond zum Teil Opfer von arroganten Vorurteilen und skrupellosen Mechanismen der Maschinerie Hollywood, was Wilder in ihrer tragischen Figur sehr gut abbildete. Sie ist also auch Opfer und nicht nur Täter allein. Genauso ist es Holden, denn den Tod hat er wahrlich nicht verdient. Aber wenn er nicht tot wäre, könnte er uns nicht den Film erzählen und wir wüssten nichts über einen der besten Filme der Filmgeschichte.
Gloria Swanson ist wunderbar und unübertrefflich in ihrer Darstellung. William Holden der einzig Richtige für diese Rolle.
Bei dem Film könnte man von der ersten bis zur letzten Sekunde über alles darin Enthaltene schreiben, diskutieren und reflektieren - doch am Besten: selber anschauen und staunend bewundern!