"Die Bundesregierung und die Europäische Kommission verstehen darunter die Bereitstellung von preisgünstiger, verlässlicher und umweltfreundlicher Energie. Auf diese allgemeine Definition könnte man sich ohne Weiteres einigen. Doch der Teufel steckt wie üblich im Detail. Was eigentlich bedeutet eine verlässliche Energieversorgung? Welchen Preis, sowohl finanziell als auch politisch sind wir bereit, dafür zur zahlen? Und wie wird sichergestellt, dass beim Zugriff auf Energieressourcen die Belange des Umweltschutzes, aber auch Transparenz, Menschenrechte und Demokratie nicht unter den Tisch fallen?"
Der Beantwortung dieser vom Autor bereits in der Einleitung aufgestellten Fragen widmet sich "Energiesicherheit - Die neue Vermessung der Welt".
Sascha Müller-Kraenner nutzt dabei einen Wissensfundus, den er sich als Umweltexperte selbst über Jahre angeeignet hat und zeichnet neben den außenpolitischen Kurslinien in der globalen Energiepolitik, auch die potentiellen Ressourcenerschließungsprojekte der Ölmultis nach. Die Weltwirtschaft ist süchtig nach Öl und die Industriestaaten konnten sich erst durch den Beginn des Ölzeitalters zu dem entwickeln was sie heute sind. Doch Erdöl ist ein Rohstoff der nur begrenzt vorhanden ist, bei seiner Verbrennung schädliches Kohlendioxid erzeugt und überwiegend in höchst instabilen Regionen gefördert wird. Der Nachfrage nach dem kostbaren schwarzen Öl steigt, doch das Angebot wird immer knapper, während die Treibstoffpreise in scheinbar endlosem Anstieg verfallen sind. Ölkonzerne wie British Pentroleum BP schalten seitenlange Anzeigen, um der Angst vor einem möglichen Peak Oil entgegenzuwirken und propagieren (wie mit dem Spruch Beyound Petroleum) bereits Alternativen in Entwicklung zu haben, ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft, ein Rückfall in das vorindustrielle Zeitalter wird dadurch aufgehoben oder zumindest noch um wertvolle Jahrzehnte verzögert. Doch hinter all dem steht die Frage nach dem Preis.
Zur aktuellen Ölförderung gibt es so manche Alternativen, die sich bisher in ihrer Anwendung jedoch kaum rentierten und deshalb erst mit massiv gestiegenem Preisniveau (mindestens 2 Euro pro Liter) zur Anwendung kommen dürften. Sascha Müller-Kraenner überrascht in diesem Zusammenhang mit einer alternativen Ölquelle, die nicht nur erheblich teurer ist als die konventionelle Ölförderung, sondern auch noch um ein vielfaches schlimmere Folgen für das ohnehin schon angeschlagene Ökosystem hätte. Ölsande, könnten im Tagebau gewonnen werden. Kanada hat sogar noch weit größere Ölsandvorkommen als Saudi-Arabien an konventionellen Beständen je hatte. Die Konsequenzen von Tagebau sind bekannt, ebenso die Folgen von exzessiven Kohlendioxidausstoß. Um den nötigen Energieaufwand für die Erschließung der Ölsandvorkommen zu decken sehen Verantwortliche damit die Notwendigkeit für den Bau eines eigenen Atomkraftwerkes für die Förderanlagen und Raffinerie verbunden. So attraktiv das für manchen noch klingen könnte, es würde am Dieselpreis wohl kaum etwas ändern, da mit den gestiegenen Fixkosten auch der Preis steigen würde.
Auch mit dem vorläufigen Umstieg auf Gas, dessen Förderungsscheitelpunkt noch in weiterer Ferne liegt wird öffentlich viel spekuliert. Daneben erscheinen Überlegungen über die Verflüssigung von Kohle, mit umweltschonenderen Technologien und einer Kohlendioxidlagerung unter der Erdoberfläche zwar langfristig interessanter, doch gilt es damit auch wieder ein Problem der Endlagerung zu lösen.
Mit dem Klimawandel und einer drohenden Energiekrise sieht sich die Wirtschaft derzeit an 2 Fronten angegriffen, was bei so manchen Verbrauchernationen und auch Förderern zu bestürzenden Entwicklungen wie imperialen Tendenzen geführt hat. So mühen sich die USA ab, alles zu tun, um den Nachschub an billigem Öl aus Südamerika und dem Nahen bis Mittleren Osten sicherzustellen. Der Ausweg von dieser Abhängigkeit und Außenpolitik, die bislang zu weltweiten Protesten sowie einer Stärkung des Antiamerikanismus geführt, ist nach wie vor die Erschließung alternativer und erneuerbarer Energiequellen. Zu bedenken gilt es dabei, dass mit einer Suchtverschiebung vom saudischen Erdöl zum brasilianischen Biotreibstoff niemanden geholfen ist, wobei für letzteren wiederum massiver Raubbau an der Natur und dem Abholzung des Urwalds betrieben wird.
"Die neue Vermessung der Welt" erlaubt sich eine globale Analyse des Energiemarktes und bezieht sich dabei neben Amerika, der Europäischen Union, auch auf die Energiesupermacht Russland (wichtige Quelle für die europäische Erdgasversorgung), sowie die Interessen der aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien. Der Autor räumt mit allerlei Mythen auf, etwa der sauberen Atomenergie, die bereits durch Abbau, Herstellung, Transport und Lagerung der Brennstäbe für bestürzende Umweltverschmutzung sorgt. Einzig dass in Roland Emmerichs apokalyptischen Blockbuster The Day after tomorrow der US-Vizepräsident um's Leben kommen soll, entpuppt sich für Kenner des Films als Mythos, war es doch der Präsident durch dessen Ableben die "Cheney-Kopie" schließlich im mexikanischen Exil zum Präsidenten der letzten überlebenden Amerikaner aufsteigen konnte.
Der Titel ist Programm, wenn der Umweltexperte Sascha Müller-Kraenner in "Energiesicherheit" eine umfangreiche Analyse der weltweiten Energiepolitik und -interessen vornimmt. Dabei bedient er sich eines wenig spezialisierten Wortschatzes, der es jedem interessierten Leser auch erlaubt ohne weiteres den Ausführungen folgen zu können. Auf politische Kernbotschaften kann natürlich auch dieses Werk nicht ganz verzichten, wobei sich die Tonart als eher gemäßigt bezeichnen lässt. Obwohl nur von einem Umfang über 230 Seiten (ohne Quellenverzeichnis) ist "Die neue Vermessung der Welt" durchaus fähig die Sicht auf das große Ganze zu ermöglichen.
Fazit:
Um ein Problem lösen zu können braucht man ein gewisses Bewusstsein für dieses und zur Bildung dessen grundlegende Informationen. Zum Thema Energiesicherheit ist dieses Werk sicher eines der grundlegendsten und darüber hinaus als Einsteigerliteratur für jedermann überaus empfehlenswert.