Wer sich für die Person Sulla interessiert, wird sich dunkel an das Namenpaar "Marius und Sulla" des Schulunterrichts erinnern, an mehr höchstwahrscheinlich aber nicht. Mein Interesse wurde durch die Lektüre von Otto Zierers Passagen zur römischen Republik in Band 7 ("Unsichtbare Krone") seiner weltgeschichtlichen Reihe "Bild der Jahrhunderte" geweckt, eine romanhafte, aber quellennahe Darstellung, die vielleicht heute belächelt wird, aber meines Erachtens immer noch gut lesbar ist.
Christs Abhandlung will keine Biographie im üblichen Sinne sein; die dünne Überlieferung ließe dies im übrigen auch gar nicht zu. Der historische Hintergrund wird in Kapitel I "Die Krise der römischen Republik" behandelt (S. 11-53). Die Lebensabschnitte Sullas werden in den folgenden vier Kapiteln (S. 54-139) auf knapp 85 Seiten geschildert. Der interessantesten Teile des Buches sind Christs Zusammenfassung der Rezeptionsgeschichte der Figur Sulla in der Historiographie (Kap. VI "Wirkung" S. 140-94) und seine abschließende Würdigung der "Persönlichkeit Sullas" (S. 195-212). Sie zeigen daß trotz der Dürftigkeit der Quellen Sulla als Typus eines Diktators ein Faszinosum geblieben ist, der in Dramen und historischen Romanen immer wieder aufgegriffen wurde. Christ beklagt jedoch, daß die Rezeptionsgeschichte bislang erst in den Anfängen stecke (S. 192). Daß Christian Grabbe in der nachnapoleonischen und Albrecht Haushofer in der nationalsozialistischen Zeit sich mit Sulla als Dramenstoff beschäftigten, ist ein hochinteressanter Aspekt, der den paradigmatischen Charakter der römischen Geschichte einmal mehr unterstreicht. Andererseits besteht durchaus die Gefahr, daß "aus den modernen Versuchen, diese widersprüchliche Gestalt in eine neuzeitliche Typologie einzubinden" (S. 195) eine Gestalt konstruiert wird, die mit dem historischen Sulla und dem Sulla der Quellen nur eine gewisse variierende Schnittmenge gemeinsam haben dürfte. Christ hebt mit Recht hervor, daß man eine Person wie Sulla nur im Kontext seiner Zeit verstehen könne - eine allgemein oft wiederholte platitüdenhafte Feststellung, die doch nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt hat. Sulla war kein ausschließlich autonom agierender Machtmensch, sondern "traf entscheidende Entschlüsse nicht auf Grund eigenen Willens und eigener Initiativen, sondern mußte im Gegenteil immer wieder auf Entwicklungen und Konstellationen reagieren, die seine Gegener herbeigeführt hatten" (S. 198)
Ohne die wesentlichen Punkte der vorangegangenen Rezensionen wiederholen zu wollen, möchte ich betonen, daß es sich bei Christs jetzt in dritter unveränderter Auflage (2005, 1. Aufl. 2002) vorliegendem kleinem Buch um eine nützliche Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes handelt und auch für "Einsteiger" ohne große Vorkenntnisse ein "Muß" darstellt. Man darf jedoch nicht erwarten daß man über die Vorgeschichte der römischen Republik komplett ins Bild gesetzt wird; hier ist vertiefende Lektüre unerläßlich. Auch die wirtschaftsgeschichtlichen Hintergründe der tiefgreifenden sozialen Konflikte der späten Republik kommen meines Erachtens viel zu kurz. An dem einleitenden Kapitel ließe sich Manches aussetzen oder ergänzen. Der nüchtern-sachliche Stil des Autors wirkt bisweilen etwas ermüdend und wenig fesselnd, entspricht jedoch der bescheiden anmutenden Intention des Autors, eine erste Orientierung "für einen breiteren Leserkreis" zu geben. Der Experte dürfte deshalb nichts Neues erfahren und dennoch wäre Enttäuschung fehl am Platz.
Ob das von Christ gezeichnete Bild Sullas "nahe an die Realität kommt", wie der letzte Rezensent O. Miller meint, ist allerdings eine kaum zu beantwortende Frage. Gerade die große Bandbreite an oft von den jeweiligen Zeitumständen geprägten und geleiteten Urteilen sowie die lückenhafte Quellenlage zeigen, daß es "die Realität" eigentlich gar nicht geben kann und wir uns nur mit einzelnen Aspekten auseinanderzusetzen haben, die jedoch kein abgerundetes Gesamtbild ergeben können. Aber das dürfte darüberhinaus ein grundsätzliches Problem der Geschichtswissenschaft sein.
Positiv hervorzuheben sind die ausführliche Bibliographie (S. 218-24) und ein gutes (leider heute nicht mehr selbstverständliches) Register. Die Karten haben eher dekorativen Wert (für Laien wären auch die heutigen Ortsnamen von Interesse).