Manfred Otzelberger nimmt sich mit diesem Buch einem großen Tabu unserer Gesellschaft an - dem Tabuthema "Freitod" - denn alleine die Auseinandersetzung mit dem Wort selbst zeigt, dass es hierbei nicht um die Heimtücke geht, oder der Niederträchtigkeit entsprungener Planung ist, wenn Menschen durch eigene Hand aus dem Leben scheiden.
In diesem Buch erhält man sehr viel Hintergrundwissen zu einem Randthema unserer Gesellschaft - einem verdrängten Themenbereich, obwohl alle 40 Minuten ein Mensch in diesem Land stirbt weil ER es selbst so wollte...
Der Teil "Statistik" kommt nicht zu kurz - ist nicht aufdringlich oder effekthaschend eingebracht, vielmehr unterstreicht er, was "unglaublich" ist, wie häufig der Suizid unter uns weilt, wie oft er verdrängt wird.
Die Folgen des Freitodes für Angehörige und Opfer haben sich im Laufe der Zeit verändert - nach offizieller Lesart hat sich die Situation im Umgang mit den Verstorbenen, wie auch Hinterbliebenen, entspannt - dass dies nicht immer so funktioniert, wie es wünschenswert wäre, zeigen die Erfahrungsberichte dieses Buches.
Dem Freitod haftet einen Makel an, den Schatten des lebensmüden Angehörigen wird man scheinbbar nie wieder los? Nur wenn man sich der Gesellschaft und dem allgemein vorherrschenden Bild vom "Selbstmord" und dessen Gründe ergibt - nicht wenn man sich den Weg heraus aus der Isolation bahnt, sich den Erlebnissen stellt, Gefühle zulässt - nicht nur im stillen Kämmerchen, sondern auch in Gesprächsrunden mit anderen Hinterbliebenen aktiv wird.
Welche Gründe Menschen aus dem Leben führen, wie Angehörige damit umgehen, wo man Hilfe und Rat findet, wie man Trauer bewältigen kann - all diese Punkte werden in diesem Buch angesprochen!
Wie unterschiedlich der Verlust von Teilen einer scheinbar intakten Familie wirkt, zeigt sich an der strikten Falltrennung im Buch - hier sind die Beispiele geordnet nach: "Der Suizid eines Kindes", "Der Suizid eines Partners", "Der Suizid des Vaters", "Der Suizid der Mutter", "Der Suizid eines Bruders oder einer Schwester", "Der Mehrfach-Suizid in der Familie", "Der Mitnahme-Suizid" und der "Suizid im Krankheitsfall und Alter".
Das Buch soll auf keinen Fall als "Rezeptbuch" für Wege aus dem Leben verstanden werden! Es soll meiner Meinung nach Betroffenen Hilfestellung sein Wege aus der Isolation zu suchen.