Habe mir die Rezensionen durchgelesen, beovr ich den Film angesehen habe und komme zu folgender Ansicht: Die Geschichte ist für viele Leute deshalb so interessant, weil sie Interperationsfreiräume und Denkanstöße gibt. Genauso weiß jeder Zuschauer aber auch, dass etwas an der Handlung fehlt. Dieses "etwas" wurde aus der Geschichte genommen, um die Handlug in den Hintergrund zu rücken, damit der Zuschauer an seine eigene Rolle im Kinosaal hingewiesen wird. Der Regisseur erzielt damit auf zweierlei Arten einen erzieherischen Mehrwert: Er gewöhnt dem Zuschauer aktive Teilhabe am Medium film an (nicht wie zB Transformers, wo aktive Teilhabe abgewohnt wird) und gibt ihm zu verstehen, dass man am besten Probleme lösen kann, wenn man bereit ist zu kämpfen. Letzteres wirkt für mich sehr aufgesetzt, ist aber eben Geschmackssache.
- Meine Interpretation -
Das Theater in diesem Film steht für mich einfach für die Kinoleinwand. Der Zuschauer nimmt die Stelle der Hauptdarstellerin ein, der ins Kino geht, um sich vom alltäglichen Leben und den auffallenden Probleme ablenken zu lassen. Wie schon in anderen Rezensionen ersichtlich, gibt es drei Wahrnehmungsebenen. Die erste, die scheinbar in der "echten Welt" spielt, dann jene im Bordell und jene in den surrealistischen Traumwelten. Die erste Ebene steht für den Alltag, die zweite für unsere Wahrnehmung (wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen) und die dritte für unsere Träume, mit denen wir schließlich Erlebtes verarbeiten und auch als Mittel zur Distanz zu unserem alltäglichen Leben aufwenden. Idealerweise zur Selbstreflektion.
Meine These untermauert der Film andauernd. Zum einen sieht man deutlich, dass sich BabyDoll immer "wegdenkt", wenn es um die Beschaffung eines Gegenstandes geht. Das Bordell steht deshalb für ihre Wahrnehmungswirklichkeit, weil es in dem Irrenhaus unter ähnlichen Zuständen zugeht. Sobald aber etwas passiert, was sich auf das Leben auswirkt, erwacht der Zuschauer aus seinem Traum und wird auch über seine Wahrnehmung hinweg auf das Problem aufmerksam. Deshalb sieht man auch wieder die Küche des Irrenhauses, wenn der Koch verletzt wird.
BabyDolls Aussage "Das ist nicht meine Geschichte." bezieht sich auf die Funktion des Zuschauers, denn wir verwenden Figuren aus Kunst immer auch zur Selbstreflektion und zur Erfüllung von Wunschträumen, wie einmal Geheimagent zu sein etwa.
Außerdem wird Gewaltdarstellung auf ein Minimum reduziert, weil der Zuschauer gerne dazu neigt, bei sexuellen Übergriffen wegzuschauen, tut das auch die Kamera. Wahre Gewalt findet im Kopf des Menschen, in seiner Psyche statt (Michael Hanekes Motto für den Film "Funny Games") und nicht alleine auf der Leinwand. Jedenfalls ist der Zuschauer im Kinosessel sicher. Er kann wegschauen wenn er will, bloß die Figuren auf der Leinwand müssen leiden, nur damit er unterhalten werden darf, beziehungsweise, um Erfahrungen sammeln zu dürfen, damit er diese mit seinen eigenen abgleichen kann, um eigene Erfahrungen zu bestätigen oder zu bestreiten, aber auch um neue Erfahrungen einzubrignen, die er noch nicht sammeln konnte.
Viele hier kritisieren weiters die Glaubwürdigkeit dieses Filmes, dabei besteht sein Grund nicht darin glaubwürdig zu sein. Damit wahrt der Film die Distanz zwischen Zuschauer und Leinwand. Dadurch wird viel Platz freigeräumt, um mitdenken zu dürfen. Zieht ein Film nämlich den Zuschauer zu sehr in seine Illusion, vergisst er sich selbst - Lobotomie, das Paradies für den Zuschauenden, wie zB "Avatar": Man sieht einen Traum vor den Augen dahinrattern, der so wunderschön ist und man sich selbst dazu nicht einbringen muss. Ideal. Dafür, können Filmemacher mit ihren "Patienten" anstellen, was sie wollen.
- Fazit -
Aufgrund des pädagogischen Mehrwertes und der Handlung bekommt der Film von mir vier Sterne. Einen Abzug gibts jedoch, weil die Story genauso funktioniert, wenn man die Traumwelten überspringt. Auch wenn ich mir über ihren Zweck im Klaren bin, kommt durch dieses Manko das Gefühl auf, diese Stellen wurden nur aus tricktechnischer Notgeilheit eingefügt, Geschmackssache eben. Jeder der sich nur für Lobotomie interessiert und den Film deshalb toll findet, ist mit "Shutter Island" (von Martin Scorsese) aber besser aufgehoben.