Hope, eine berühmte Malerin, steht mit 78 Jahren am Ende ihres Lebens. Sie erhält Besuch von einer jungen Journalistin. Während eines einen ganzen Tag andauernden Interviews erzählt sie ihr Leben, was sich als eine Art Parforceritt durch die US-amerikanische moderne Kunstgeschichte in Gestalt eines Schlüsselromans darstellt. Denn Hope war mit zwei berühmten Malern und einem Kunstsammler verheiratet: Der erste, Zack, ist Jackson Pollock nachempfunden. Guy, ihr zweiter Mann, ist eine Mischung der Pop-Artisten, also Lichtenstein, Warhol, Oldenburg, Kienholz usw. Auch Hope selbst ist eine Mixtur aus zwei realen Personen: Sie sieht genauso aus wie die Ehefrau Jackson Pollocks. Geht man vom Stil ihrer Bilder aus, handelt es sich bei ihr um die Malerin Agnes Martin. Natürlich geht es in diesem Roman nicht nur um Kunst und Kunsttheorien, sondern auch um die Probleme einer weiblichen Künstlerin, sich in der Macho-Kunst-Szene der 40ger und 50ger Jahre zu behaupten, um die Schwierigkeiten ein Leben an der Seite eines Alkoholikers (Zack) zu führen, um das gestörte Verhältnis von Hope zu ihren Kindern aus der Ehe mit Guy und um die eigentümliche Spannung, die sich im Laufe des Tages zwischen der jungen Journalistin und der alten Malerin auf- und abbaut.
WIE IST ES GEMACHT?
Updike ist ein brillanter Beschreiber und ein genialer Stilist - so auch in diesem Buch: Es ist schon über weite Strecken fantastisch, wie es ihm gelingt, sehr überzeugend diese ganze Lebensgeschichte aus der Perspektive einer alten Frau zu entwickeln. Auch die agressive Impertinenz, mit der die Junge sie befragt, ist gut getroffen. Allerdings ist diese weibliche Sicht nicht immer überzeugend durchgehalten - hin und wieder geht der alte Adam mit Updike durch. So wenn Hope sehr detailverleibt den Toilettengang ihrer Besucherin in Gedanken mit verfolgt. Auch die Neigung zu überbordenden Beschreibungen (vgl.den ersten Satz!) ermüdet zum Teil.
WER IST DER AUTOR?
Updike, 1932 geboren, zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen amerikanischen Schriftstellern. Berühmt wurde er durch seine Rabit-Romane. Ein ganz hervorragender neuerer Roman: "Der Terrorist", sicherlich eine der gelungendsten Auseinandersetzungen mit dem 9/11 Trauma der USA. Studiert hat er in London an der Ruskin School of Drawing and Fine Arts - so kehrt er mit dem Thema dieses Romans zu einer alten Jugendleidenschaft zurück.
DER ERSTE SATZ:
"Zu Beginn", sagt die junge Frau, die schmal, schwarz gekleidet, klappmessergleich auf der Kante des Sessels mit dem ausgeblichenen groben Schottenkarobezug und den breiten Armlehnen aus orangerötlich lasierter Eiche kauert, diesem Sessel, den Hope schon gekannt hat, als er noch im Sonnenzimmer in Germantown stand und ihr Großvater darin saß und die Zeitung las, den Kopf zurückgelehnt, um besser durch die unteren Hälften seiner dicken Zweistärkengläser sehen zu können, siebzig, nein, über siebzig Jahre ist das jetzt her, "möchte ich Ihnen etwas vorlesen, das Sie 1996 im Katalog zu Ihrer letzten Ausstellung geschrieben haben."