Sucht- Bindung- Trauma (Christel Lüdecke, Ulrich Sachsse,Hendrik Faure) Schattauer Verlag
In einem Buch von Krausz und Schäfer über Trauma und Sucht (Klett/Cotta)las ich, dass die gemeinsame Betrachtung und Behandlung des Traumas und der Sucht längst überfällig ist.
Dies Buch von Lüdecke, Sachsse und Faure kann dazu beitragen, Patienten mit Doppeldiagnosen, Trauma, Sucht, Persönlichkeitsstörung, zu verstehen und angemessen zu therapieren. Ein Dilemma wird im ersten Kapitel beschrieben: Traumatisierte die in Sucht- Fachkliniken auflaufen, erreichen selten die angestrebte Abstinenz und werden zu Drehtürpatienten. Wer sich hingegen bei der Bewerbung um einen Trauma- Therapieplatz als Alkoholkonsument outet, wird darauf hingewiesen dass für die Therarpie eine stabile Abstinenz, vorausgesetzt wird. Dass Drogenkonsumenten zum größten Teil in ihrer Kindheit missbrauchte, vernachlässigte, verlassene und misshandelte Menschen waren ergibt sich aus vielen Schilderungen in Fachbüchern (Hermann, Huber), und Filmen (Christiane F.), doch im Hinblick auf eine angemessene Behandlung winkt bisher die Mehrzahl der Therapeuten als aussichtsloses Unterfangen ab.
Das Buch ist ein eigenständiges Werk. Ich betrachte das Lehrbuch als eine Fortsetzung und Präzisierung der Bände 'Handbuch der Borderline Störung' von Kernberg, Dulz und Sachsse, sowie 'Sexueller Missbrauch Misshandlung, Vernachlässigung'( Egle, Hoffmann, Joraschky) und 'Traumazentrierte Psychotherapie' von Sachsse aus dem gleichen Verlag.
Ich könnte mir vorstellen, dass das Buch 'Sucht-Bindung-Trauma' ein Wegweiser für viele Kliniker und ambulant tätige Therapeuten wird. Es räumt auf mit therapeutischem Pessimismus hinsichtlich der Patientinnen und Patienten mit der Doppeldiagnose Sucht und Trauma. Es verschafft fundiertes Wissen über neurobiologische Grundlagen von Trauma und Sucht. Es informiert über die Entstehung und Behandlung von Traumata. Ich möchte den zweiten Teil als einen 'Werkstattbericht aus der Praxis' bezeichnen.
Hilarion G. Petzold verwendet den Begriff 'Integrative Therapie' (Petzold, Schay, Ebert). Diese wurde von ihm auf Grundlage der Existentialistischen Philosophie unter Berufung auf Autoren wie Derrida, Foucault, Levinas, Sartre, Heidegger und Gadamer entwickelt. Methodisch arbeitet er mit der Psychoanalyse, dem Psychodrama, dem Therapeutischen Theater und der Gestalttherapie u.a.
Den von C. Lüdecke verwendeten Begriff 'integrativ' verstehe ich im Hinblick auf die Mehrfachdiagnosen und auch die Therapiemethoden. Es wird nicht eine Methode gegen die andere ausgespielt, der Patient profitiert von einer Vielzahl an Interventionen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, erkennt man Psychodynamische, verhaltenstherapeutische hypnotherapeutische Verfahren und NLP. Die Arbeit mit 'States' im Anklang an die Ego-State- Therapie (Watkins&Watkins/ Phillips,Frederik) sowie 'Innere Kind-Arbeit' . Hypnotherapeutische Interventionen nach M. Erickson haben ihren Platz. Es fällt häufig der Begriff state dependent learning, womit gemeint ist, dass in einem bestimmten Zustand erlerntes Verhalten vorzugsweise auch in diesem Zustand bearbeitet und 'verlernt' werden kann.
Van der Hart und Niejenhuis (Das verfolgte Selbst) unterscheiden in ihrem Dissoziationskonzept einen ANP einen anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil und einen EP, einen emotionalen Persönlichkeitsanteil. Im Weiteren wird die strukturelle Dissoziation, als sekundäre und tertiäre Dissoziation unterschieden. Bei der tertiären Dissoziation sind sowohl der ANP als auch der EP durch traumatische, vielleicht auch chemische Einwirkungen in mehrere Anteile dissoziiert. Mir hilft das Konzept der strukturellen Dissoziation, manche, unverständlichen Handlungern traumatisierter und suchtkranker Menschen zu verstehen. (z.B. SSV)
Die Therapie in der Asklepios Klinik in Göttingen, dürfte in dieser Form in Deutschland einmalig sein. Ich möchte die Nachahmung empfehlen und sich mit diesem Buch auseinander zu setzen. Es wird jeder in vielfältiger Weise profitieren, der Patienten mit Doppeldiagnosen behandelt. Einen Schatz zu diesem Buch kann man auf der Internetseite des Schattauer Verlages heben. Das ist eine ganze Reihe von Arbeitsblättern mit dazugehörigen Erläuterungen, die in der Therapie verwendet werden (zur Vermittlung von 'Skills'). Hierdurch gewinnt man eine sehr gute Vorstellung über das konkrete Vorgehen in der Therapie. In der Werbung wird angekündigt, das Buch werde mit einer CD ausgeliefert. Davon ist man scheinbar wieder abgekommen. Ich möchte anregen, dass der Verlag die CD separat anbietet. Vielleicht wäre eine Alternative, die Vorlagen als Arbeitsbuch oder 'Mappe anzubieten.
Für mich ist der Abschnitt: 'Anticraving' und das Kapitel 10 mit speziellen Stabilisierungs-techniken von besonderem Interesse. Ich bin sehr gespannt, wann es unter dem Stichwort EMDR ein ausgefeiltes Suchtprotokoll geben wird und glaube, dass es von den Autorinnen und Autoren dieses Buches erwartet werden kann. Ich denke daran, es im Sinne der Ressourcenverankerung und -Aktivierung im Sinne von Christine Rost einzusetzen, Stichwort: 'Notfallkoffer'. Wenn ich es richtig verstanden habe, arbeitet Frau Rost mit 'Miniprotokollen', bei denen die SUD und VOC Werte nicht erhoben werden und die der Patient auch eigenständig als Selbsthilfemethode anwenden kann. Vielleicht ließen sich hier auch Techniken von Callahan, Gallo, Feinstein einsetzen, die hierzulande von Michael Bohne (u.a.) als 'Energetische Psychologie' bekannt gemacht werden. Vielleicht ließe sich unter den Imaginationsübungen eine entwerfen, bei der Innere Helfer die Trauma- und Suchtnetzwerke entflechten und gegeneinander abschirmen so dass nicht bei der Traumakonfrontation und 'Integration, Trauma- und Suchtnetzwerk gleichzeitig angesprochen werden können. Es spricht für die Qualität der hier vorgestellten Therapie, dass es innerhalb mehrerer Jahre keinen 'Rückfall' nach einer Traumaexpositionssitzung gegeben hat. Ich finde das Buch gelungen und möchte es sehr empfehlen. Ein Patientenbuch ist es nicht. Es ist ein Grundlagenwerk, das nicht zuletzt einen Beitrag dazu leisten könnte der DBT von Marsha Linehan hierzulande mehr Anerkennung und Verbreitung zu verschaffen.
Ich würde mich freuen, wenn in einer Neuausgabe ein Kapitel im Hinblick auf die Bindungstheorie Platz finden würde.