Welcher Normalsterbliche hätte heute noch Zeit, über viertausend Seiten Proust zu lesen, diese berühmten meterlangen ihresgleichen suchenden Sätze eines einstigen Salonlöwen, der die Welt der feinen Leute schildert mit mikroskopisch genauen Wahrnehmungen und sinnlichen Empfindungen, es sei denn, man läge selbst, Gott behüte, 10 Monate im Krankenbett danieder, aber vielleicht könnte man sich das mal vormerken für einen solchen Fall, denn schon der erste Comic-Band (von fünf Bänden) regt einen Zugang zum Original an, an dem Marcel Proust 10 Jahre ab seinem 40. Lebensjahr astmakrank fast nur im Bett schrieb.
Die Frage, ob sich eine Roman-Illustration an der Weltliteratur vergreifen sollte erübrigt sich sofort, wenn es sich wie hier um eine vernarrte Liebeserklärung an diesen Schriftsteller handelt und so sorgfältig visualisiert wurde wie von diesem Zeichner namens Stéphane Heuet.
Ich war besonders neugierig auf die sehr schön dargestellte Schlüsselszene mit dem in Lindenblütentee getauchten Madeleine-Gebäck, dessen Geschmack assoziiert mit einem Glücksgefühl an unschuldige Kindertage in Combray erinnert.
Die vom Schlafzimmer aus vernommenen Garten-Abend-Besucher, die um die zarte Gesundheit besorgten Mutterküsse, die bettlägerige durch das Fenster straßenbeobachtende Tante Léonie, der diese hübsch gekleideten Schauspielerinnen kennende Offizier Onkel Adolphe, die dem Speisezettel der Jahreszeiten immer eine neue Kleinigkeit hinzufügende Haushälterin Francoise, das den jungfräulichen Wandgemälden über Tugend und Laster ähnelnde Küchenmädchen. Die in seiner Fantasie als gekrönte Gräfin aus einer Laune in den Schlosspark ihn zu sich kommen lassende Herzogin Madame de Guermantes, der unter seiner sich der Tugendhaftigkeit entziehenden Tochter leidende Monsieur Vinteuil.
Das durch imaginäre historischen Epochen gleitende Kirchenschiff, der mit der Mai-Andacht sakramental verwoben wirkende Weißdorn, das mit Schmid-Hammerschlägen und einem Fliegenkonzert sich vermischende Leseabenteuer in der Gartenlaube als eine im Takt der Kirchenturmuhr magische Hypnose-Fantasie. Fischefangenden Landjungen beim Fluss-Spaziergang, das bei einer abendlichen, perspektivisch sich verändernden Kutschenfahrt erste schriftlich gelegte Ei.
Die durch das Teearoma geschenkten Bilder, umhertreibende Seerosen, der Geruch eines Fliederbusches nach einem Gewitter.
Was verbirgt sich hinter einer Gestalt, einem Reflex, einer Linie, einem Farbton? Dem Vernehmen von Schritten, Düften oder Wasserblasen im Fluss?
Schlaflose Kindernächte in verschiedenen sich überlagernden Zimmern. Menschen, Orte und Geschehnisse, durchdrungen von aufsteigenden Höhen der Erinnerung auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Jetzt bin ich auf der Suche nach Lindenblütentee und Madeleine-Gebäck.