Buch der 1000 Bücher
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
OT A la recherche du temps perdu OA 191327 DE 192630 (erste Gesamtausgabe 195357)Form Romanzyklus Epoche Jahrhundertwende
Der Romanzyklus über das Erleben von Zeit und Erinnerung, mit seiner Fülle lebendiger Charaktere, mit dem Zauber des Paris der Belle Époque, ist eines der eindrucksvollsten Bücher der Weltliteratur.
Entstehung: Prousts zahlreiche Bekanntschaften gingen als fiktionalisierte Charaktere, die oft aus mehreren Vorbildern montiert sind, in den Roman ein, an dem er ab 1909 kontinuierlich arbeitete. Berühmt ist die von Zeitnot geprägte Entstehung. Proust änderte, ergänzte, erweiterte und verwarf große Abschnitte seines Texts sogar noch in den Korrekturabzügen. Die späteren Teile sind also nicht bis zur selben Endgültigkeit durchgesehen und autorisiert wie die drei ersten, jedoch stand der Schluss von vornherein fest. Das Werk ist ein Dokument des Schreibens gegen den Tod, hat fragmentarische Züge und ist doch ein Ganzes.
Inhalt: Hauptthemenkomplexe sind Zeit, Liebe, Gesellschaft und Kunst. Das subjektive Wesen der Zeit, das der Erzählverlauf nachzeichnet, manifestiert sich in der nicht erzwingbaren, durch Sinneseindrücke ausgelösten glückhaften »unwillkürlichen Erinnerung«. Am berühmtesten ist die Episode um den wiedererkannten Geschmack eines in Tee getauchten Madeleine-Gebäcks. Die Liebe basiert primär auf dem willkürlichen Bedürfnis des Einzelnen, das sich auf einen beliebigen Gegenstand richtet, weshalb auch Freundschaft letztlich unmöglich bleibt. Verlangen wird indirekt, durch Eifersucht, erzeugt; daher sind alle Beziehungen auf Dauer unglücklich. Erotik ist oft durch Homosexualität verkörpert, von der bloßen »Inversion« bis zum Sadomasochismus.
Nicht ohne satirische Distanz werden die Spielregeln der großen Welt geschildert, deren Falschheit besonders in der Dreyfus-Affäre zum Vorschein kommt. Ein riesiges Personeninventar, das sich aus dem Großbürgertum und dem adligen Faubourg Saint-Germain, aber ebenso der Welt der Domestiken zusammensetzt, wird in einem sich auch technisch verändernden Paris über mehrere Tausend Seiten vorgestellt. Das Panorama der meist impressionistischen Künste und ihrer Vertreter um die Jahrhundertwende schließlich wird vor allem für das Theater, die Musik, die Malerei und die Literatur repräsentiert durch die in den Salons mehr oder minder respektierten Künstler. Das Erleben ihrer Werke reflektiert sich in der nuancenreichen Sprache und den tiefen Reflexionen des Erzählers, der einer regelrecht platonischen Kunstmetaphysik huldigt: Angesichts des Zerstörungswerks der Zeit überlebt der Künstler in seinem Werk.
Aufbau: Der Roman wird in der Ich-Form erzählt. Das erleichtert die Innensicht, impliziert aber das Risiko einer Verwechslung des empirischen Autors mit dem subtil konstruierten Erzähler, für den zudem im Text der Vorname »Marcel« erwogen, jedoch nicht bestätigt wird.
Der einem autobiografischen Entwicklungsroman ähnelnde Erzählbeginn gilt der Kindheit des Helden Anfang der 1880er Jahre, seiner extremen Mutterbindung und dem Scheitern seiner Erziehung zu Willensstärke und Selbstständigkeit. Die Zeitebene, von der aus der Erzähler sich erinnert, ist trotz geringer Widersprüche der Chronologie etwa auf 1919 anzusetzen, wurde von Proust also ursprünglich in die Zukunft projiziert. Es wird aber nicht linear berichtet, auch kann sich die Schilderung von Matineen und Soireen unnaturalistisch über Hunderte von Seiten erstrecken. Trotz Ansätzen zu einer Gliederung durch Teile, Kapitel oder Überschriften wird die Megastruktur nur von den sieben Bänden bestimmt, die z.T. postum erschienen:
Der erste Band, In Swanns Welt (1913), umfasst drei Teile, deren erster mit dem Erwachen des Erzählers und den allmählichen Erinnerungen an sein Leben beginnt, zu seinen Aufenthalten als Kind in dem Dorf Combray überleitet, das durch die »unwillkürliche Erinnerung« schließlich ganz gegenwärtig wird, worauf der in der dritten Person erzählte Binnenroman Eine Liebe von Swann das für Eifersucht und deren Auflösung im Vergessen modellhafte Drama um Swann und Odette schildert, bis der Leser in ein stark verändertes Paris um 1918 geführt wird.
Der zweite Band, Im Schatten junger Mädchenblüte (1919), zeigt den Erzähler bis zu einem Zerwürfnis in Gilberte Swann verliebt, sodann bei einem Ferienaufenthalt mit der Großmutter in dem Küstenort Balbec, wo er eine »kleine Schar« von reizenden Mädchen kennen lernt.
Der folgende Band, Die Welt der Guermantes (1920/21), führt den Erzähler in das mondäne Milieu des Hochadels ein. Er erlebt den Tod der Großmutter als Entfremdung von der vertrauten Person sowie Swanns Sterben als Abtreten aus der Gesellschaft.
Sodom und Gomorra (1921/22) ist die Welt der männlichen und der weiblichen Homosexualität. Erstere begreift der Erzähler durch Beobachtung des Barons Charlus. Letztere berargwöhnt er bei seiner Geliebten Albertine, mit der er in Balbec lebt, von der er sich trennt und die er schließlich beinahe heiratet.
Die Gefangene (1923), der fünfte Band, zeigt Albertine, die provisorisch bei dem Erzähler in Paris wohnt. Obwohl er sie systematisch überwacht, entflieht sie der Bindung.
Die Entflohene (1926) ist Albertine, die vor einer möglichen Rückkehr zum Erzähler stirbt. Während er mit einer Freundin der Toten vertraut wird, erforscht er Albertines Liebesleben, das ihm gleichgültig wird. Er reist und wird von seiner Jugendfreundin Gilberte eingeladen.
Der letzte Band trägt den Titel Die wiedergefundene Zeit (1927) und zeigt den Erzähler in Tansonville, wo er seine Kindheit wiederentdeckt, und im Paris während des Ersten Weltkriegs. Der Kreis schließt sich: Nach einem langen Sanatoriumsaufenthalt nimmt der gealterte Erzähler an einer Matinee bei der Prinzessin von Guermantes, der einstigen Madame Verdurin, teil, bei der er bestürzt feststellt, wie sehr die Zeit alle einstmals Bekannten verändert hat. Durch gehäufte Erlebnisse unwillkürlicher Erinnerung, die ihm in der punktuellen Identität von Vergangenheit und Gegenwart die Substanz der Zeit im erinnernden Ich offenbaren, wird er nachdrücklich von seiner Verpflichtung überzeugt, sein Talent zum Schreiben nunmehr ganz dem Festhalten dieser Erkenntnis zu widmen und beginnt mit der Suche nach der verlorenen Zeit.
Wirkung: Proust erlebte noch den Prix Goncourt; doch erst nach seinem Tod wurde seine überragende weltliterarische Position erkannt. Das Werk ist einer der wirkungsmächtigsten Erzähltexte überhaupt. Trotz eines inzwischen internationalen Proust-Kults blieb ihm vor allem bis zur Jahrhundertmitte Kritik nicht erspart.
Von linker und rechter Seite wurde er zunächst als Großbürger, Dandy, Halbjude und Homosexueller beargwöhnt. Außer dem anspuchsvollen Stil provozierte das Handlungsmilieu, dem der Autor snobistisch verhaftet schien, das er aber über viele Jahre auch studiert hatte, um es literarisch sezieren zu können. Freilich geht die Leistung weit über eine Sozialanalyse hinaus: Prousts anthropologische Beobachtungen von äußerster Subtilität ergründen, parallel zur Psychoanalyse, mit den überlegenen Mitteln der Literatur die Mechanik des Seelenlebens.
Ferner zeigen sich bei ihm in der optischen Zerlegung der scheinbar einen Albertine (»Jedesmal, wenn sie den Kopf bewegte, schuf sie eine neue, für mich oft ganz ungeahnte Frau. Es schien, als besäße ich nicht nur eines, sondern zahllose junge Mädchen.«) bereits Sichtweisen nicht nur der Fotografie, sondern auch des Films. Berühmt sind Prousts komplexe Syntax und seine bilderreiche Sprache, die zentrale Metaphern systematisch ausführt und so nuancenreich Gefühle und Gedanken nachschafft.
Der Roman wurde in alle Weltsprachen übertragen. Schon 192630 unternahmen Rudolf Schottlaender, Franz Hessel und Walter R Benjamin eine unvollendete deutsche Übersetzung. Die bahnbrechende Übertragung von Eva Rechel-Mertens (195357) wird seit 1994 durch Luzius Keller revidiert. 2002 legte Michael Kleeberg zudem eine Neufassung von Combray vor.
Lange galt das Werk als unverfilmbar; inzwischen wird von diversen Anläufen abgesehen und nach Volker Schlöndorffs Teiladaption Eine Liebe von Swann (1983) der Film Le temps retrouvé von Raúl Ruiz (1999) auch der unorthodoxen Struktur des Buches visuell gerecht. Überdies erscheint seit 1998 sogar eine ebenso raffinierte wie erfolgreiche, inzwischen dreiteilige Comic-Version von Stéphane Heuet. A. H
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist zu einem Mythos der Moderne geworden.
Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem – nur vermeintlich müßigen - Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. „In Swanns Welt“, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der „Suche nach der verlorenen Zeit“ wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.