Es ist schon erstaunlich, wieviele Lebensmittel in den letzten 50 Jahren von unseren Tellern verschwunden sind. Und ich rede nicht von der Maikäfersuppe, die die hungernden Nachkriegsdeutschen in Ermangelung anderer Proteinquellen löffelten. Nein, ich rede von Obst- und Gemüsesorten, die verschwunden sind, weil sie sich nicht industriell ökonomisch produzieren lassen oder die ein wenig neben dem Massengeschmack liegen, schlecht lagerfähig sind oder schlicht "nicht so gut aussehen". Vor dem Kochen wohlgemerkt, denn im Kochtopf werden sie alle wieder gleich. Nur sie schmecken eben nicht gleich! Auch beim Fleisch sind uns viele Genüsse abhanden gekommen. Wer ahnt schon, dass die Etepetete-Küche Kalbsbäckchen nur noch auf illegalem Weg auf den Teller bringt? EU-Verordnungen sind wieder mal der Grund. Innereien sind heutzutage Igitt-Essen, dabei geben sie mit dem richtigen Rezept köstliche Gerichte. Wir schmeissen viel Hochwertiges weg oder verarbeiten es zu Tierfutter und werten Hochwertiges ab, indem wir Produktionsverfahren industrialisieren, d.h. in der Regel massiv beschleunigen. Ein Balsamico di Modena tradizionale braucht 12 Jahre, bis er reif ist. Der Balsamicoessig aus dem Supermarkt noch gerade mal 60 Tage. Könnte es sein, dass das seine Spuren im Geschmack hinterlässt? Eine rhetorische Frage...
Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer ist ein spannendes und hochinteressantes Buch über den "verlorenen Geschmack" gelungen. Eine kulinarische Reise durch die Welt (vor allem die mediterrane), sorgfältig recherchiert und meist auch selbst erlebt, mit vielen vergessenen Rezepten aus vergessenen Zutaten, mit Überzeugung geschrieben und einer einfachen, aber sehr empfehlenswerten Botschaft: Liebe Deine Lebensmittel!
Ich habe das Buch mit GENUSS gelesen.