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Die Vorträge des Soziologen und Politikers Ralf Dahrendorf sind nun als Buch bei C. H. Beck erschienen: wissenschaftlich profund, doch in der Sprache klar und gut verständlich, nachdenklich, kritisch und manchmal durchaus unbequem. Die Ausbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft, konstatiert Dahrendorf als Liberaler alten Schlags zum Beispiel, eröffne den Menschen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion oder der Dritten Welt zwar neue Freiheiten und Lebenschancen. Doch zunächst, fügt er hinzu, sei der Schritt in die Moderne "in aller Regel ein Schritt in neues Elend": Bevor der Wohlstand kommt, macht sich Enttäuschung breit. Die politische Folge sei ein neuer Autoritarismus.
Gefahr drohe der freiheitlichen Ordnung aber auch in den Gesellschaften des Westens: Die Globalisierung, die einem Teil der Bürger eine Fülle neuer Möglichkeiten bringt, bedeutet für diejenigen, die davon ausgeschlossen bleiben, Unsicherheit und "Anomie". Die Konsequenz ist eine Gegenbewegung, die vom Populismus eines Haider über neue Regionalismen à la Bossi bis zu den "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien reicht. Gleichzeitig hat sich in der ganzen Welt der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößert. Im 21. Jahrhundert führt das jedoch nicht mehr zum "Klassenkampf", sondern zu Migration und neuen "individualisierten" Formen des Konflikts wie Mafia oder Terrorismus.
Trotz dieser düsteren Perspektiven ist Dahrendorf nicht pessimistisch: Im Zentrum seiner Hoffnung steht ein liberales "Weltbürgertum" auf der moralischen Basis des kategorischen Imperativs von Kant. Und wenn sich die USA als stärkste Macht an diese Ordnung einfach nicht mehr halten? Die Lösung könne hier nur rückhaltlose Unterstützung sein, meint Dahrendorf: "Beeinflussen durch Sich-Einlassen." In den grundlegenden Wertvorstellungen stimme die Supermacht ja mit Europa überein. Es wird sich zeigen, ob Dahrendorf in dieser Hinsicht nicht zu optimistisch ist. --Bernhard Wörrle
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