Ich habe sicher eine dreistellige Anzahl Fantasy-Bücher gelesen, aber nichts hat mich so gefesselt wie Robert Jordans "Rad der Zeit"-Zyklus. Ginge es nur um mein persönliches Empfinden, hätte das Buch die fünf Sterne sicher, aber ich möchte eine objektive Kritik abgeben und komme deshalb nur auf vier. Das "Rad der Zeit" ist zwar in vieler Hinsicht ein Meisterwerk, aber nicht jedermanns Geschmack: Eine fesselnde Geschichte in einer sehr detailreichen und glaubwürdigen Welt, aber sehr lang, stellenweise langatmig, und von vielen Nebenhandlungssträngen durchzogen.
Es beginnt in einem kleinen Dorf weitab der großen Städte, das von Kriegen und Veränderungen nicht berührt wird, bis eines Nachts Trollocs, halbmenschliche Gestalten aus düsteren Legenden, das Dorf überfallen und nur durch eine zufällig anwesende Aes Sedai-Zauberin zurückgeschlagen werden. Sie führt den Bauernsohn Rand al'Thor und einige seiner Freunde fort in das ferne Tar Valon, der Stadt der Aes Sedai, stets verfolgt von den Kreaturen des dunklen Herrschers, um dort herauszufinden, wieso das Böse hinter ihnen her ist...
Jordan erzählt die alte und immer wieder neue Geschichte vom einfachen jungen Mann, den schicksalhafte Ereignisse dazu drängen, seine Heimat zu verlassen und dem Erzbösen die Stirn zu bieten. Der Vergleich mit Tolkien drängt sich natürlich auf, aber das "Rad der Zeit" ist keinesfalls eine Kopie des "Herrn der Ringe", weder in seiner Geschichte, noch im Schreibstil, noch in der Gestaltung der Welt. Der Schreibstil ist flüssig und gefällig, auch wenn es einige wenige störende Eigenheiten gibt, die aber nur sporadisch zu Tage treten. Man findet also keine hohe Literatur, aber eine gut geschrieben Geschichte vor. Die ausgesprochen stimmige und kreativ ersonnene Welt ist viel komplexer und detailreicher als Tolkiens Mittelerde, auch einfach weil Robert Jordan sich viel mehr Zeit nimmt, seine Geschichte zu erzählen (wenn im November 2011 der letzte Band erscheint, wird der Zyklus mehr als achtmal so lang sein wie der Herr der Ringe). Sehr unterschiedlich ist vor allem die Stimmung: Während Tolkiens Welt immer noch etwas Märchenhaftes an sich hat, wirkt Jordans Universum düsterer und dadurch auch realistischer. Und so ist es auch nicht mit der Zerstörung eines Ringes getan, das Böse zu besiegen, sondern viele Nationen und Interessensgruppen müssen geeint werden, während zugleich die Verlorenen, mächtige Zauberer des Bösen, Chaos säen und sich zugleich untereinander streiten. Und Probleme werden zwar mühsam gelöst, aber zugleich tauchen immer wieder noch größere am Horizont auf...
So viel Komplexität erfordert aber auch viel Zeit und viele Handlungsstränge, in denen unterschiedliche Personen und Gruppierungen und ihre Entwicklungen dargestellt werden. Leider geht Jordan dazu in den späteren Bänden, vor allem in Band 7-10 der englischen Ausgabe (entspricht Band 17-28 der alten deutschen Ausgabe), etwas das Erzähltempo verloren, bevor es danach wieder anzieht. Die Buchreihe ist also nur etwas für Leser mit Geduld und einem langen Atem. Teilgeschichten finden ihre Abschlüsse, aber das große Ganze endet erst nach 10.000 Seiten. Wer aber das Durchhaltevermögen hat, wird mit einer unglaublich reichen und vielschichtigen Handlung in einer faszinierenden Welt belohnt.