"Menschen sind sich unendlich treu in ihrem Verhalten." Auf diese Einschätzung kommt früher oder später jeder, der aufmerksam beobachten kann und sich nicht von Idealen blenden lässt. Und seit die Verhaltensforscher intensiv mit Neurowissenschaftlern zusammenarbeiten, gibt es für diese menschliche Eigenart sogar handfeste Belege. Ich habe mich allerdings bei der Lektüre des neuen Buches von Christian Thiel gefragt, wieso er seine Leser erst auf Seite 150 an deren Beharrungsvermögen in eigener Sache erinnert. Scheut er sich wie die meisten Verfasser von Lebensratgebern davor, die Arbeit für ein angepassteres Konzept aufzuwenden? Oder weiß er ganz einfach, dass die Verkaufszahlen sinken, sobald wir lieb gewonnene Illusionen zerstören? Im sehenswerten Film "P.S. - Liebe auf Anfang" fällt der Satz: "Erkenne die Muster und bringe dich in eine vorteilhafte Ausgangslage." Toll, aber selbstverständlich haben sich Produzent und Regisseur dem Erfolg zuliebe ebenfalls darauf geeinigt, den Zuschauern nicht allzu viele Träume zu rauben.
Christian Thiel geht also den Mittelweg, holt seine Leser bei den gängigen Geschichten ab, zeigt deren Schwachstellen auf und gibt viele brauchbare Tipps, wie man sie umgehen kann. Das klingt nach wenig, ist aber schon viel mehr als andere Partnerschafts-Experten wagen. So rät er unter der Überschrift "Realismus schafft Liebe" dazu, für einige Monate auf die Dauerberieselung von Liebesidealen zu verzichten. Also keine Gala, keine Pilcher-Filme, keine Schnulzen - von wem auch immer. Welches ist denn die beliebteste Hauskatze in deutschen Wohnstuben? Richtig, das Whiskas-Schnurrschnurrchen. Soll noch jemand behaupten, Medien, Werbung und Heileweltinfo würden unser Denken und Tun nicht beeinflussen. Also liebe Ratgeberverfasser, bitte noch mehr Mut zum Realismus, wenn eure Werke etwas bewirken sollen.
Was steht nun aber in den fünf Kapiteln drin, die das Suchprogramm von Christian Thiele ordnen? Es beginnt mit einem sauber ausgeführten Angriff auf den Mythos, das Leben als Single sei schöner als ein Leben zu Zweit. Denn um die innere Bereitschaft für eine neue Beziehung zu erhöhen, empfiehlt es sich, hindernde Selbstrechtfertigungen für das Single-Dasein zu überprüfen und möglichst viele davon zu entsorgen. Dabei kann das Erkennen von typischen Beziehungsmustern und stabilen Standbeinen helfen. Ganz der Entzauberung ist dann das zweite Kapitel "Mythen der Liebe" gewidmet, das ich für eines der stärksten halte. So vorbereitet erfährt der Leser im dritten Kapitel "Sie haben die Wahl", warum Gelegenheit Liebe macht und worin die Wahlfreiheit überhaupt besteht. Konkreter und praktischer wird es im vierten Kapitel "Das ABC des Kenenlernens". Hier stellt der Autor mögliche Suchstrategien vor, zu denen heute selbstverständlich auch das Internet und alle Partnerbörsen gehören. Wenn Christian Thiele richtigerweise darauf hinweist, wie wichtig Such- und Antworttexte sind, vermisse ich doch den Ratschlag, sich bei handwerklichen Ungeschicktheiten helfen zu lassen. Was soll daran schlecht sein, sich eine knackige und wirkungsvolle Bewerbung schreiben zu lassen? Auch Partnerwerbung ist Werbung. Im fünften Kapitel "Drum prüfe, wer sich ewig bindet" erfahren wir schliesslich, welche Phasen der Liebe wir zu unserem eigenen Nutzen unterscheiden sollten, um vor unnötigen Enttäuschungen bewahrt zu bleiben. Und ganz zum Schluss gibt es noch ein Literaturverzeichnis, das diesen Namen eigentlich gar nicht verdient. Denn es ist unkommentiert und führt nicht einmal alle Titel auf, die im Buch erwähnt werden.
Mein Fazit: Nach dem Buch "Was glückliche Paare anders machen" habe ich von diesem Ratgeber mehr erwartet. Auch weil der Autor jahrelange Erfahrung in der Beratung hat und sehr wohl weiß, wie schwer wir unsere Verhaltensmuster neu knüpfen können. Aber solange noch kein Autor in Sicht ist, der konsequent von einem Konzept ausgeht, das dem realen Menschen besser entspricht, gehört dieses Buch sicher zu den besseren seiner Gattung.