Noch immer hat die Alchemie das unseriöse Stigma der Quacksalberei. Dabei ist der mystische Umgang mit unbekannten Phänomenen nicht mit einer esoterischen Sichtverweise zu verwechseln. Er war bis weit in die Zeit der Aufklärung vielmehr selbstverständlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Argumentation. Genauso wenig lassen sich diese Ursprünge der heutigen Chemie allein auf die Verwandlung von Blei in Gold reduzieren.
Einer gewissen Logik nicht entbehrend waren die Alchemisten auf der Suche nach jenem Stoff, der "fünften Substanz" -- der Quintessenz -- oder dem "Stein der Weisen". Erst viel später sollten ihre unzähligen Versuche und Experimente in den modernen technischen Vorschriften und Standardverfahren ihren Erfolg feiern, als die Alchemie in der chemischen Analyse von Erzen zu ihren Wurzeln des Experiments zurückkehrte. Die "alchimia spekulativa" als Lehre von der Transformation unedler in edle Metalle verlor hinter der "alchimia practica", der Bestimmung des Silber- oder Bleigehaltes, zunehmend an Bedeutung.
Natürlich geht Hans-Werner Schütts Buch über diese Kernpunkte weit hinaus. Sein allumfassender Abriss über die Alchemie ist gerade deshalb so lesenswert, weil sich aus ihm die zeitlichen Aspekte erschließen, aus denen die Alchemie und schließlich die moderne Chemie erwuchs. Eine gleichwertige Betrachtung dieses Umfanges wird man woanders nicht finden. Ausgehend von der Antike über das Mittelalter, die revolutionären Erkenntnisse der Humanisten und Aufklärer bis in die heutige Zeit zieht sich der rote Faden eines faszinierenden Stücks (Wissenschafts)geschichte, an deren Ende allein die exakte, messbare und gottlose Disziplin übrig blieb und alles andere unter dem Urteil der Esoterik vergrub. --J. Schüring
Das historische Buch
Der Stein der Weisheitsliebenden
Hans Werner Schütts «Geschichte der Alchemie»
Was ist die Alchemie? Diese Frage so Hans-Werner Schütt, Professor an der Technischen Universität Berlin ist eine, «die zahllos viele Antworten herausfordert, keine völlig befriedigende Antwort verspricht». Um dennoch seinen Gegenstand einigermassen verlässlich zu bestimmen, bezieht sich Schütt auf «unser irgendwie vorgebildetes Gefühl» und bezeichnet die Alchemie als die «Kunst, gewisse Materialien zu höherem Sein zu veredeln, und zwar derart, dass mit der Manipulation der Materie auch der um ihr Geheimnis ringende Mensch in einen höheren Seinszustand versetzt wird».
So gerüstet beginnt er seinen Gang durch die Geschichte der «göttlichen Kunst» mit einer kenntnisreichen Darstellung der antiken (ägyptischen und griechischen) Alchemie. Diesen Namen gab es übrigens noch nicht. Griechische Autoren sprachen gelegentlich von «Chemeia», was später oft von «chymos» = Saft oder «cheein» = giessen abgeleitet wurde. Sicher ist, dass schon in der Antike die «Chemeia» eine geheimnisumwitterte Kunst im Spannungsfeld von Handwerk, Naturphilosophie und Mysterienkult war. Das geheimnisvolle «Flair» wird auch daran erkennbar, dass die Adepten (die die Weisheit erlangt haben) nicht selten Decknamen für die einschlägigen Materialien bzw. Verfahren benutzten. Im Übrigen versuchten manche Adepten so Schütt eine Art «Super-Gold» herzustellen, das unedle Metalle in Gold verwandeln sollte. Dieses Über-Gold wurde auch als «Stein der Weisen», genauer als «Stein der Weisheitsliebenden» («Lithos ton philosophon») bezeichnet.
Im Zuge der Rezeption griechischen Gedankengutes übersetzten und bearbeiteten arabisch schreibende Autoren des Mittelalters auch «alchemische» Texte. Nun bekam die «al-kimija» ihren Namen, wobei die genaue Herkunft des Wortes laut Schütt jenseits der Tatsache, dass der arabische Artikel «al» darin eingegangen ist, unklar bleibt. Schon arabische Autoren des Mittelalters hätten über die Bedeutung gestritten, wobei man neben einer Ableitung aus der griechischen Sprache («chemeia», siehe oben) auch an eine Ableitung aus der ägyptischen, persischen oder hebräischen Sprache gedacht habe. Bezüglich der in den Texten beschriebenen Kernoperationen veränderte sich die Kunst im arabischen Mittelalter nicht wesentlich, nur manche Einkleidungsformen waren neu; so traten gelegentlich astrologische oder «magische» Elemente hinzu.
Interessant mag sein, dass die arabischen Alchemisten ein Wort prägten, das bis heute seinen Klang behalten hat. Sie waren nämlich vor allem auf der Suche nach dem (transmutationsfähigen) «Elixier» (arab. «al-iksir»). Dabei suchte laut Schütt der berühmteste arabische Alchemist Gabir (oder: suchten die unter seinem Namen vereinigten Autoren) mit besonderer Intensität nach dem «Elixier der Elixiere» heute würde man sagen: nach dem «Lebenselixier» , das nicht nur Metalle in Gold verwandeln, sondern das auch gegen alle Krankheiten wirken sollte.
Die Darstellung der «lateinischen» Alchemie beginnt Schütt mit einer kurzen Charakteristik der wenigen erhaltenen frühmittelalterlichen Zeugnisse. Erhalten sind vorwiegend «theoriefreie» Rezeptsammlungen zu den Themen Färben, Glas- und Metallkunst. Recht eigentlich entfaltete sich die «lateinische» Alchemie erst im Hoch- und Spätmittelalter, wobei Übersetzungen aus dem Arabischen (z. B. durch die Übersetzerschule von Gerhard von Cremona in Toledo) sicherlich eine wichtige Rolle zukam. Doch schon bald begann die eigentliche Hoch-Zeit der «lateinischen» Alchemie, und zwar «in Klöstern und andernorts». Bemerkenswert ist, dass viele der spätmittelalterlichen Texte alchemischen Inhalts sich mit den Namen berühmter Persönlichkeiten wie etwa Thomas von Aquin, Roger Bacon oder Raimundus Lullus verbanden, wobei bis heute unter den Philologen noch nicht entschieden ist, ob diese «very important persons» tatsächlich alchemische Traktate verfassten. Seit dem 14. Jahrhundert entstanden auch Übersetzungen in die deutsche Sprache. Dies zeigt, dass nun alchemisches Wissensgut auch in die mittleren und unteren Schichten vordrang. Fortan konnten auch lateinunkundige «Laien» destillieren und sublimieren, kalzinieren, putrefizieren, d. h. die alchemischen «Standardoperationen» durchführen.
Das abschliessende Kapitel des Buches behandelt die «neue Welt Europas» und damit die eigentliche Glanzzeit der Alchemie besonders ihr Vordringen an zahlreiche Fürstenhöfe und den Niedergang der Kunst: Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts verdrängte die Chemie die «Laboralchemie», die «Alchemie» wurde gänzlich zur Aussenseiter- oder Betrügerkunst. Auf Einzelheiten der Darstellung kann hier nicht eingegangen werden. Nur einige Stichwörter seien genannt, die zeigen, in welch heterogene Bezirke die Alchemie ausstrahlte: Hermetismus, Kabbala, Paracelsus, Rosenkreuzer, Iatrochemiker, Newton, Goethe, Romantik. (Es sei vermerkt, dass das Kapitel «Paracelsus» nicht zu den besten des Buches zählt. Hier wurde, vor allem in puncto Biographie, unbesehen mancher «Mythos» reproduziert.) Summa summarum: Das Werk Schütts ist dies war vom Autor laut Nachwort auch nicht intendiert keine «umfassende» im Sinne von erschöpfender Darstellung. Es ist jedoch eine fundierte, kurzweilige, in manchen Abschnitten geradezu spannend zu lesende Einführung in die Geschichte einer ganz besonderen Wissenschaft.
Udo Benzenhöfer