Wer viele der heutigen Politiker dem vermeintlichen Wählerwillen hinterher hetzen sieht, wer Diskussionen über die Farbe der Krawatten beim Kanzler-Duell verfolgt, wen es ebenso wenig interessiert, ob die Schröders sich nun streiten oder er sich gar die Haare färben lässt, dem ist dieses Buch Balsam auf die verwundete politisch-demokratische Seele.
In klar verständlicher, gleichwohl vortrefflich formulierter Sprache zeigt Helmut Schmidt Wege zu einer durch Vernunft, Verantwortung und Moral gekennzeichneten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In ganz und gar wohltuender hanseatischen Bescheidenheit und Nüchternheit beschreibt Schmidt ebenso vergangene und gegenwärtige Verfehlungen wie auch Handlungsmaximen für eine "vernünftige" Zukunft. Dass er viele Passagen in der "Wir"-Form schreibt, macht das Buch umso sympathischer, zumal sich hieraus manch -geradezu groteske- Bescheidenheit seitens des Autors ergibt. Das "Wir" steht jedoch auch für den Appell, den Schmidt an jeden einzelnen von uns richtet und der mich oft hat anhalten und nachdenken lassen. Das Buch vermittelt jedem Leser, der noch einen Sinn für das Wohl der Gemeinschaft hat, dass er nicht allein in einem "Heer von Egoisten" lebt, dass er mit seiner Lebenseinstellung kein törichter Narr oder gar verachtenswerter "Gutmensch" (Achtung: Unwort!) ist.
So wie Helmut Schmidt uns Jugendlichen zu seiner Kanzlerschaft ein gradliniges "Beispiel" gegeben hat, so gibt er uns heute wieder Impulse zum erneuten Innehalten, zur Besinnung auf unveräußerliche Tugenden und zur weiteren Persönlichkeitsentwicklung bzw.-festigung.
Wer der heutigen "Kakophonie" und den verzweifelten Rufen nach Kanzler-Machtworten lauscht, möchte manchem Politiker die Lektüre dieses Buches dringlichst empfehlen.
Wer es damals nicht bereut hat, dass Schmidt gestürzt wurde, der wünscht ihn sich spätestens nach dieser Lektüre zurück...