Nun ist es nach langem Warten da, das neue Album von Alan Wilder unter seinem Projekttitel Recoil - die Spannung war/ist groß.
Das subjektiv Gute: Alan Wilder findet auf "subHuman" nach dem eher hörspielorientierten "Liquid" wieder zu mehr Melodie und Songwriting zurück. Auf dem 2007er-Album kommt er m. E. thematisch wie auch vom musikalischen Konzept (wieder) näher an sein 1997er-Album "Unsound Methods" heran, und die enge Verwandtschaft zu früheren Werken ist "subHuman" klar anzumerken.
Dabei ist das neue Album keine Kopie von Altbekanntem sondern wirkt auf mich wie eine Art "Revisited" besonderer Sehenswürdigkeiten der Vorgänger, als hätte Alan Wilder lange gegrübelt in welche Richtung er diesmal vom selben Startpunkt aus losmarschieren wolle, um beim Blick zurück dasselbe Motiv in anderem Licht und aus anderer Perspektive zu erblicken.
Und so bewältigt Alan Wilder in ca. 61 Minuten Spielzeit erneut zahlreiche menschliche Abgründe wie etwa Mord, Totschlag, Drogen oder Haft und wendet sich sogar Biblischem zu. Bei Recoil ist und bleibt es ungemütlich - Idylle und Kuscheln ist anders.
Hat beispielsweise "Unsound Methods" 1997 einen weiten Bogen von Spannung und Stil in Form urbaner/industrieller Bedrohlichkeit zu bieten, wirkt "subHuman" wie ein Fokus und das Weiterentwickeln einer beschaulich-morbiden Südstatten-Atmosphäre, wie sie etwa schon bei "Red River Cargo" gekonnt in akustische Szene gesetzt wurde.
"subHuman" bietet mehr davon, wie ein Konzentrat, sehr konsequent.
Auf mich wirkt das Album in seiner stimmigen Gänze und den siebeneinhalb Titeln ('Intruders' hat eine ca. 4minütige Reprise zu bieten) wie ein Road Movie in Ton, aber ohne Bild. Mir drängt sich beim Hören eine hochsommerliche Fahrt mit einem verbeulten 60er-Jahre Cadillac Eldorado Cabrio durchs provinzielle amerikanische Hinterland: weite Kornfelder, schwüle, drückende Hitze, unendliche Landstraßen. Und kaum Personen, denen man unterwegs begegnet - und bei den wenigen, die man "in den Titeln" trifft, weiß man nicht genau ob sie nicht gleich die Schrotflinte oder das Fleischermesser auspacken...
Alan Wilder gelingt es m. E. eindrucksvoll, eine sehr verstörende Stimmung aufzubauen. Dies hat mehrere Ursachen: Einmal versteht er es virtuos, unterschiedlichte musikalische Elemente miteinander zu verweben und dabei durchaus einen eigene Stempel ducrhschimmern zu lassen. "subHuman" ist tendenziell dunkel gestimmt, und wer echten Hörgenuss der morbiden Art mag sollte bis nachts warten, Licht ausmachen, Subwoofer hochdrehen und eine Stunde akustscher Geisterbahnfahrt genießen.
Auf "subHuman" geht elektronische Musik (ich will nicht sagen Synthie-Pop, aber man hört das Depeche-Mode-Erbe und Wilders Hang zu düsteren, vibranten Klängen ) eine gekonnte, bisweilen wagner-esque Fusion mit Gospel und bluesigen Klängen ein. Stilbildende Instrumente wie Mundharmonika, Blues-Gitarre, Hammond-Orgel sowie jazzige Perkussion unterstützen dies nachhaltig. Dunkle, treibende und manchmal leider etwas aufgesetzt wirkende Beats sorgen für eine dräuende Grundstimmung und Unbehagen. Spielzeiten der Stücke von bis zu mehr als 10 Minuten erlauben Raum für Entwicklung und Variation der Themen.
Weiteres wichtiges Element für die Dichte des Gesamtwerks sind die Stimmen, die Alan Wilders Visionen menschlicher Abgründe vor diesem Klanggemälde Farbe und vor allem Kontrast verleihen.
Hier muss Joe Richardson, der auf 5 der insgesamt 7 Stücke einen wichtigen vokalen Beitrag leistet, hervorgehoben werden: mit klarer und doch gebrochener Stimme verleiht er den Titeln (allen voran 'Prey' und '99 to life') jenen Grad an Schmerz und innerer Qual, dass es schon beängstigend wirkt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er die Texte nicht (nur) mit Innbrunst intoniert, sondern trotzdem eine kühle Distanz wahrt. Dies ist schwer zu beschreiben, man bekommt beim Hören den Eindruck, ganz nah an Mord und Totschlag zu sein, aber doch nur als Beobachter - ein musikalisches "Aktenzeichen XY ungelöst".
Carla Trevaskis ist der weibliche Counterpart. Sie taucht leider nur in zwei Stücken auf: dem - eigentlich instrumentalen - 'Alleluja' und dem eindringlichen 'Intruders', im Duett mit Joe Richardson. Sie haucht, gurrt, ihre Stimme gibt dem ganzen einen eindringlichen, nahezu lasziven Charakter. Doch der Hörer behält stets ein "Vorsicht, bissig" im Hinterkopf. Leider hat sich Alan Wilder nur diese zwei Gastvokalisten ins Studio geholt - aber sie waren auf jeden Fall eine gute Wahl.
Was man ebenfalls beim Hören als typisch Wilder'sches Stilelement wiederfindet sind Einsprengsel, Samples, Wort-/Textfetzen, die den Stücken Authentizität, Bildhaftigkeit und collagenhafte Zerrissenheit geben. So beginnt "Backslider" als Song über Drogenmissbrauch mit einer Sequenz die sicher nicht zufällig an Canned Heat's "On the road again" erinnert, und im Abspann dieses Titels wabert u.a. ein "Amazing Grace" wie im Drogenflash vorbei.
Dennoch: bei so viel stilistischer Konsequenz bleibt ein Déjà Vu zu früheren Stücken wie etwa 'Red River Cargo' oder 'Strange hours' nicht aus. Alan Wilder bleibt sich auf "subHuman" teilweise SO treu, dass er vor der eigenen Historie fast schon beliebig wirkt. Dies ist einer meiner wenigen persönlichen Kritikpunkte an "subHuman", ich hätte mich jedenfalls über mehr Mut zu wirklich Neuem gefreut.
Daher mein ultra-subjektives Fazit: vier Sterne für "subHuman". Eigentlich wären es viereinhalb, denn das Album ist wirklich gut gemacht und geht tief unter die Haut. Oder, um ein Fremdprädikat zu wählen: "Pain and suffering in various tempos" - hier wäre es authentisch.
Aber diese halbe Wertung geht leider nicht und zu fünf Sternen ist mir das Album dann schließlich zu wenig innovativ, bleiben Musik und Ideen zu nah an den bekannten Strickmustern der beiden Vorgängeralben.
Positiv bleibt für mich ferner vorzuheben, dass "subHuman" eingängiger als "Liquid" ist und darüber hinaus voll 'durchhörbar'. Es ist ein Album, auf das man sich nichtdestotrotz einlassen muß, das dann aber mit einer tollen Atmosphäre und Gänsehaut belohnt. Persönlich rangiert das neue Album deshalb knapp hinter "Unsound Methods" als Alan Wilders persönlichem Urmeter des subversiven, musikalischen Horrors.
Gut so, bitte mehr davon in der Zukunft! Und vielleicht auch wieder eine bessere Frisur...