Subcoma basiert auf der vom Autor 1983 formulierten Gesellschaftsutopie "Bolo Bolo". In "Subcoma" geht er auf die Idee seriöser und umfassender ein. Eine Sammlung verschiedener, nicht schlecht zusammengetragener Statistiken bildet die Einleitung. Allein diese Einleitung kann in vielen Diskussionen hilfreich sein, um fundiert auf die herrschende und grundlegende "Kaputtheit" des Systems hinzuweisen. Im ersten Teil widmet sich der Autor dann verschiedenen Konzepten, deren Ziel die "Überwindung des Kapitalismus" oder allgemein die gerechtere Verteilung von Ressourcen sind: Grundeinkommen, Tobin-Steuer, Mindestlohn, Arbeitszeitreduzierung usw. Schlüssig verwirft der Autor diese Konzepte als nicht hilfreich bzw. ungenügend. Der zweite Teil widmet sich existierenden "Selbstversorgungkonzepten" (Kommune Karthago, Gemeinschaft Hard, Niederkaufungen). Der Hauptteil des Buches dreht sich um das vom Autor verfeinerte Bolo Bolo-Gesamtkonzept unter dem Namen Subcoma ("Subsistenz, Community, A-Patriarchat"), eine Art lose anarchistische Hierarchie, bis hin zur weltumspannenden Organisation.
Ich bin von der Utopie selbst nicht überzeugt bzw. sehe darin keine Ansätze, die die "Wiederentstehung" einer ungerechten Gesellschaft und die Ausbildung von Machtstrukturen verhindern. Im Gegenteil, die beschriebenen Strukturen könnte man gar gleichsetzen mit den existierenden oder zumindest in Grundzügen angelegten Strukturen einer modernen Demokratie. Nichtsdestotrotz halte ich das Buch für ein wichtiges Buch: Es gibt einfach zu wenige allumfassende Utopien, die den Problemen des Kapitalismus (Überproduktion, Verteilungsungerechtigkeit, geplante Obsoleszenz, ...) entgegen stehen. Auch ich glaube nicht an eine immer wiederkehrende "Symptombehandlung", wie sie heutzutage der Dritte Sektor durchführt. Wir brauchen definitiv Utopien, damit wir uns gruppenübergreifend auf gemeinsame Ziele einigen können, und uns darauf verständigen können, wohin es überhaupt gehen soll.
Abzüge gibt es. Nicht deshalb, weil ich nicht an die Vision glaube - das sei jedem selbst überlassen. Einen Punktabzug gibt es, weil die Quellen/Referenzen etwas mager sind. Ein weiterer Abzug für die isolierte Betrachtungsweise: Schon bei "Bolo Bolo" hat P.M. wenig versucht, 'seine' Utopie historisch herzuleiten (die Konzepte sind ja nicht neu). Mir fehlt auch eine Verteidigung gegen durchaus gerechtfertigte Kritik.
Einen Bonuspunkt gibt es hingegen, weil mir sonst keine (!) Bücher bekannt sind, die sich so detailliert einer speziellen, modernen Gesellschaftsutopie widmen. Ich könnte mir gut Romane und Filme vorstellen, die in einer Bolo Bolo/Subcoma-Welt spielen.