Selten hat es bei einem großen Versionssprung bei SuSE eine so technisch und optisch ausgereifte Version gegeben wie diese. Defaultmaessig installiert openSuSE ext3 ohne die geringsten Probleme. Wer auf reiserfs angewiesen sein sollte, muss fuer den genannten Bug zwar eine Loesung finden, aber wesentlich ist, dass sie existiert. Sehr interessant duerfte sein, zum Vergleich diesbezueglich mit Slackware 12.1 einmal Erfahrungen zu sammeln.
openSuSE hat sich der Philosophie verschrieben, ein einfach zu installierendes und dennoch funktional hochwertiges System zu liefern und das ist rundum gelungen. Die Installation ist im Vergleich zur SuSE 10.3 NOCH einfacher und uebersichtlicher geworden. Der instabile KDE 4.0-Desktop sollte nicht installiert werden. Dafuer bietet openSuSE unter de.opensuse.org/KDE4 die sehr einfache Installation der Beta 2 von KDE 4.1, die bereits waermstens zu empfehlen ist.
Das Handbuch, einst eine besonders grosse Staerke gerade von SuSE, entwickelt sich nun Gott sei Dank wieder in die richtige Richtung. Die inhaltsschweren *Ratschlaege* aus der Abteilung *Menuepunkt Datei oeffnen ... dient dazu eine Datei zu oeffnen, sind nun endlich verschwunden und die Artikel haben wieder mehr Substanz. Allerdings ist das Buch lediglich ein *Start Guide*, den Rest ersetzt zunaechst das Video-Training.
Einige, schon seit laengerem spuerbare Tendenzen im Anwendungsbereich sind allerdings etwas beunruhigend: Orientiert sich openSuSE immer mehr an einer *Einschaltquote*? Wer sich zu den *Office-People* zaehlen darf, gehoert sicherlich zum engeren Kreise der Zielgruppe von openSuSE. Studenten, ausgenommen solche, die sich als Entwickler betaetigen, sind inzwischen der Peripherie nahe.
Die Distribution scheint sich mehr und mehr von der wissenschaftlichen Ebene zu entfernen. Die traditionelle Paketstruktur ist aufgehoben und wurde neu erstellt. Alles Wissenschaftliche wurde unter *Bildung* zusammengefasst. Nur: nach kdeedu muss man suchen. Das Paket wird bei der Installation des KDE-Desktops nach wie vor wie schon in der Version 10.3 schlicht vergessen. Die Existenz von LaTeX (an Universitaeten immer wichtiger) muss der Anwender ebenfalls kennen. Von den Schemata oder der neuen Paketstruktur wird er darauf nicht hingewiesen. Von den naturwissenschaftlichen Anwendungen der neunziger Jahre ist bei SuSE kaum noch etwas uebriggeblieben. Aber es wurde nicht allzu viel ersetzt. Hochkaraetige Programme wie Squeak (Smalltalk) (www.squeak.org) oder Stellarium (www.stellarium.org) fehlen nach wie vor. Mit Octave kommt wieder ein gutes Algebra-System, aber scilab wurde schon seit Laengerem zusammen mit MuPAD der Laufpass gegeben.
Obwohl openSuSE 11.0 jedem Anfaenger sehr ans Herz zu legen ist, sollte jeder erfahrenere openSuSE-Fan durchaus auch mal ein Blick in eine andere Distribution werfen. Fuer die Mutigsten zum Beispiel Slackware: Hier sieht man wie SuSE einst begann, und hier werden die alten Qualitaetswerte im woertlichen Sinne hochgehalten.