Was erfährt man als Nicht-Stuttgarter und Nicht-Baden-Württemberger über das Milliarden-Projekt "Stuttgart 21"? Meist das, was in den gängigen Medien verbreitet wird. Und diese Berichterstattung ist viele Monate, wenn nicht über Jahre sehr oft mehr als einseitig gewesen: Breiter Raum für die Statements der Pro-Seite (Politiker aus BaWü und Bund, sowie Bahn-Vertreter), kaum Raum für die Gegenseite, von einer wenigstens halbwegs objektiven Darstellung der Argumente des Widerstands ganz zu schweigen. In den letzten Monaten ist diese Art der Berichterstattung allerdings glücklicherweise aufgeweicht worden, wenngleich dies die Demonstranten vor üblen Verleumdungskampagnen etwa aus dem Springer-Verlag nicht geschützt hat. Wer die Zeit hatte, wenigstens gelegentlich mal in die von Heiner Geißler geleiteten Schlichtungsgespräche auf Phoenix hineinzuschauen, der konnte erleben, daß die besseren Argumente tatsächlich auf der Widerstands-Seite liegen. Und wer nun Interesse hat, diese argumentative Seite des S21-Widerstands ausführlicher kennenzulernen, und sei es nur, weil er der öffentlichen Propaganda der Befürworter nicht traut, der sollte zu diesem Buch greifen. Aber er sei gewarnt: Manche Texte sind geeignet, dem Leser die Zornesröte ins Gesicht zu treiben.
Im Vorwort berichtet Herausgeber Wolfgang Schorlau darüber, wie er die furchtbaren Ereignisse an jenem 30. September erlebt hat, jenem widerwärtigen polizeilichen Prügeleinsatz gegen friedliche Demonstranten, unter denen sich zahlreiche Schüler und alte Leute befanden. Darüberhinaus wurde abends die Unwahrheit verbreitet, die Demonstranten hätten Pflastersteine geworfen - um diese Falschbehauptung dann nachts zurückzunehmen. Und das war nicht die einzige Ungeheuerlichkeit von politischer Seite gegenüber den Protestlern. ZU RECHT ist dieser unsägliche, menschenverachtende und demokratiefeindliche Polizeieinsatz Thema eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses.
Und natürlich geht es auch um merkwürdige Kosten-Nutzen-"Analysen", die offenbar das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben wurden, Falschdarstellungen der Fakten, Geheimverträge, Herunterrechnen der Milliarden-Kosten, politische und vor allem finanzielle Interessen, wer verdient hier ganz besonders, oder auch, wie die sog. "demokratischen Prozesse" im Zuge der Verwirklichung n S21 denn nun WIRKLICH gelaufen sind, ob WIRKLICH alle Fakten den Entscheidungsträgern vorlagen, verheimlichte Gutachten...etc...Informationen, an die man als "normaler" Bundesbürger außerhalb BaWüs nicht direkt denkt, die aber geeignet sind, die Vorgänge in Stuttgart im Auge auch eines unvoreingenommenen Betrachters ein von der öffentlichen Darstellung differierendes Bild zu zeichnen.
Es finden sich auch so interessante Texte wie den des ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten Stuttgarts, Dr. Martin Nebel, der penibel nachrechnet, wieviel CO2 die Blätter der Bäume im Schloßgarten aufnehmen, bzw. wieviel sie nicht mehr aufnehmen können, wenn sie gefällt sind, und somit der Atemluft der Stadt nicht mehr nützen können ("Warum brauchen wir Bäume in der Stadt?"). Oder der geradezu köstliche Text "Kopfbahnhof versus Durchgangsbahnhof - ein Stuttgarter Dejavu, in dem Klaus Gebhard die Debatte um die Umwandlung des Stuttgarter Kopf-Bahnhofs zum Durchgangsbahnhof in den Jahren 1901 - 1905 schildert. Das "Neue Tageblatt Stuttgart" schrieb im Oktober 1905: (Zitat)"Das Projekt ist jetzt glücklicherweise mit Hilfe einer Kommission auswärtiger Sachverständiger begraben. Das Projekt war von Anfang an nicht lebensfähig. Abgesehen von den kaum überwindbaren Bauschwierigkeiten, wären die einzelnen Teile der Bahnhofsanlage unzureichend geworden. Dieses Projekt ist aber ein glänzendes Beispiel dafür, wie für eine Sache durch ausgiebige Propaganda Stimmung gemacht werden kann, die an sich nicht brauchbar ist."
Der Herausgeber Wolfgang Schorlau hat zahlreiche Autoren für dieses Buch gewonnen, Organisatoren des Widerstandes, Wissenschaftler, Journalisten, Rechsanwälte, Politiker u. a. der Grünen, und engagierte Bürger, Namen wie Boris Palmer, Walter Sittler, Peter Conradi, Winfried Hermann, Vincent Klink, Joe Bauer, und zahlreiche weitere Namen finden sich hier. Schorlau ist ein bekannter Krimi-Autor, Schöpfer der Dengler-Krimis, und spannend wie ein Krimi liest sich dieses Buch auch. Es ist ein lesenswertes Buch, mit zahlreichen Texten unterschiedlichster Autoren, 270 Seiten randvoll mit Denkanstössen, Informationen und Argumenten gegen dieses gigantomanische Irrsinns-Projekt Stuttgart 21.