'Sie würden in Amerika leben und einen Pferdehof betreiben, der entweder 'Pferdehimmel' oder 'Paradies der Pferde' heißen würde. 'Pferdehimmel' klingt irgendwie nach Tierfriedhof', sagte Susen. Sie würden möglichst zur gleichen Zeit gut aussehende Indianer kennenlernen und heiraten. Vielleicht Brüder. Zu viert würden sie auf der Ranch leben, Susen und Belle mit ihren indianischen Männern. ... Nein, sie wollten beide einen Indianer. Einen hochgewachsenen Mann mit langem Haar und nackter Brust. Je genauer sie ihn sich gegenseitig beschrieben, desto seltsamer fühlten sie sich. Flau im Magen, als würde ihnen gleich übel, aber nicht ganz. Weich in den Knien, aber auf eine angenehme Art.'
Das war der Plan der zehnjährigen Mädchen Susen und Belle. Nach Amerika ziehen und einen Indianer heiraten, Susen wollte Tierärztin werden, Belle eine Ranch besitzen. Die beiden verbrachten jede freie Minute miteinander, gingen in den Familien ein und aus und wollten für immer befreundet sein. Doch dann kam der folgenschwere Tag im Wald: die zwei Mädchen wollten doch eigentlich nur ein Clubhaus im Wald bauen, ihre Ruhe genießen, Spaß haben. Sie waren so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht merkten, dass auf einmal ein Mann vor ihnen stand. Susen konnte fliehen, Belle blieb zurück.
'Seit der Sache im Wald vor dreiunddreißig Jahren hatten sich die beiden Frauen kaum mehr gesehen. Belle war nach den Sommerferien nicht in die Schule zurückgekommen. Sie besuchte ein Internat in den Bergen, ein Internat mit Pferden, das hatte sie sich schon lange gewünscht und endlich durchgesetzt. Auch Susen hatte die Angst, die ihre Eltern an diesem Sommerabend um sie ausgestanden hatten, für sich nutzen können. Allerdings hatte sie weniger weit gedacht und sich mit einem Paar Plateausandalen mit Korksohlen begnügt. Die Riemchen waren aus weinrotem, braunem und orangefarbenem Lackleder gewesen. Sie hatte ihre Stellung in der Klassenhierarchie dramatisch erhöht.'
So unterschiedlich wie sich die Wege der Mädchen bereits damals entwickelten, so unterschiedlich leben sie auch heute. Susen ist alleinerziehende Mutter und erfolgreiche Kolumnistin eines Lifestylemagazins. Sie genießt das Leben in vollen Zügen und gibt eine Menge Geld für Luxusartikel aus. Ihre Tochter ist hochbegabt und hat gerade eine Klasse übersprungen. Da kommt die Einladung von Belle für zwei Wochen auf ihrem Pferdehof gerade recht. Susen braucht neuen Stoff für ihre Kolumne und Wednesday, ihre Tochter, ist unglücklich in der neuen Klasse, wo alle Mädchen schon viel weiter als sie sind. Belle hat ihren Traum verwirklicht, sie ist stolze Besitzerin eines Reiterhofes in den Schweizer Bergen und lebt dort gemeinsam mit ihrem Mann Manolo, den Susen allerdings nicht ausstehen kann. Allein dadurch ist Brisanz vorprogrammiert, doch das ist noch nicht alles, was Belle und Manolo zu bieten haben, sie leben mit Jasmin, einer ehemaligen Studentin, eine wahre Ménage à trois, was sogar die lebenslustige Susen zutiefst schockiert. Jasmin kümmert sich um den Haushalt, Belle um den Reiterhof und beide sind glücklich, zumindest auf den ersten Blick. Aber generell ist in dieser Geschichte viel Schein und wenig Sein.
Belle und Susen finden sofort wieder zueinander und verbringen viel Zeit miteinander, in der sie in Erinnerungen schwelgen. 'Manchmal fragte sich Belle, ob sie das Gleiche erlebt hatten. Sich an das Gleiche erinnerten.'Doch regieren auch Missgunst, Häme ihre Beziehung und zwischen allem steht noch die Geschichte im Wald von damals. Zwei turbulente Wochen liegen also vor den zweien, in denen viel passiert und aufgedeckt wird. Ob Susen ihre Geschichte findet, warum Wednesday ihre Mutter peinlich ist, wer der alte kauzige Max ist und noch vieles mehr, hat Milena Moser wundervoll in ihrem Roman beschrieben, der viel Spaß macht.
Erwähnenswert sei hier noch der Hingucker schlechthin ' das Cover! Die Louis Vuitton-Tasche statt mit LV-Logo hier mit Pferden und Hufeisen dargestellt sieht einfach superklasse aus und ist ein Highlight im Bücherregal!
'Stutenbiss' ist das neueste Werk von Milena Moser, die nach ihrem biografisch geprägtem Sachbuch 'Schlampenyoga' wieder in ihr altes Genre zurückgekehrt ist. Wie von ihr gewohnt, gewährt sie tiefe Einblicke in Psyche, Träume und die Gedankenwelt von uns weiblichen Wesen. Doch ist sie ruhiger geworden, ihre sonst sehr sarkastischen Betrachtungen des Alltagswahnsinns sind immer noch komisch und auch sarkastisch, doch gemäßigter. Man muss sich erst an den neuen Stil gewöhnen, doch nach 50 Seiten packt einen die Geschichte, die an eine Art moderner 'Drachenläufer' erinnert. Die neue Geschichte ist flüssig, witzig und bildreich erzählt. Ihre skurrilen Charaktere machen die Geschichte rund um Belle und Susen rund und lesenswert. Und das Ende kommt plötzlich und ist so ganz anders, als man beim Lesen dachte und rätselte.