Zunächst ein Wort an den Verlag: Ohne Zweifel hat die Übersetzerin einen guten Job gemacht. „Sturzflug ins Leben" liest sich sehr flüssig und an vielen Stellen tritt der trockene Humor des englischen Originals zum Vorschein. Doch für die wirklich grausame Titelgebung der deutschen Fassung - die bei Droemer für Mike Gayles Romane Gesetz zu sein scheint - sollte der Verlag eigentlich durch Kaufverweigerung bestraft werden! Wie um alles in der Welt kommt man von „Turning 30" (so das Original) zu „Sturzflug ins Leben. Oder wie ich meinen dreißigsten Geburtstag doch noch überlebte."? Dieses Unheil nahm bereits bei Gayles Debutroman „My legendary Girlfriend" seinen Anfang, der bei Droemer „Mein Bett, das Telefon und sie" betitelt wurde.
Doch dafür kann Mike Gayle ja nichts. Daher will ich den Roman guten Gewissens empfehlen - wer möchte, kann ja das Original lesen. Gayle, im Jahr 2000 selber 30 geworden, hat sich mit seinem im selben Jahr erschienenen dritten Roman ein Geschenk zur „dritten Null" gemacht und damit offenbar auch die eigenen Überlegungen zu diesem für viele (Männer?) bemerkenswerten Geburtstag verarbeitet.
Im Mittelpunkt des Romans steht der bis kurz vorm Ende noch 29jährige Matt Beckford, ein Engländer, der in der New Yorker Filiale einer britischen Computerfirma arbeitet. Als die Beziehung mit seiner Freundin in die Brüche geht, möchte er New York den Rücken kehren und sich von seiner Firma versetzen lassen. Die macht ihm das Angebot, eine neue Filiale in Australien als Teamleiter aufzubauen. Einziger Haken: der neue Job könne erst in drei Monaten beginnen. Da Matt nicht mehr länger mit seiner Ex-Freundin unter einem Dach wohnen möchte und auch keine Lust auf eine ausgiebige Reise verspürt, beschließt er, für die drei Monate zu seinen Eltern zu ziehen, alte Freunde zu besuchen und in der Heimatstadt Birmingham seinen dreißigsten Geburtstag zu feiern. Mit diesen Vorgaben entwickelt sich der Roman zu einer munteren Geschichte über Freundschaft und Liebe, nostalgische Gefühle und das Erwachsenwerden eigentlich bereits Erwachsener.
„Turning 30" ist irgendwie eine Roman gewordene Version von Florian Illies' „Generation Golf". Hier wie da ist es eine anekdotische Rückschau auf die Zeit zwischen Beginn der Oberschule und dem Abitur und eine Standortbestimmung darüber, was aus den Träumen und Vorstellungen von einst geworden ist. Doch während Illies nur bruchstückhaft Erinnerung aneinander reiht (was auch lesenswert ist), liefert Gayle ganze Lebensläufe mit. Und in denen kann sich jeder wiederfinden: Der bereits jung Verheiratete, der mit 30 über seinen Job stöhnt und sich oft fragt, was er in den 20ern verpasst hat; die 30jährige auf der Suche nach der Liebe des Lebens, die dabei aber meist Enttäuschungen erlebt; der fast 30jährige, der sich fragt, warum die einst so engen Freundschaften der Jugend so leichtfertig auseinander gehen konnten. Gerade dieses hohe Identifikationspotenzial mit den Figuren des Romans macht ihn für die „Generation Golf" so lesenswert. Denn es gibt wohl kaum jemanden, der 30 wird und sich nicht einige der Fragen stellt, die sich Matt und seine Freunde in „Turning 30" stellen.
Dennoch bleibt Gayles Roman „Popcorn-Literatur" - ein Buch das man an einem verregneten Wochenende verschlingt, das noch einige Tage nachhallt, aber das man mit 40 wohl nicht noch einmal aus dem Regal holen wird, wenn einen ganz andere Gedanken und Sorgen bedrücken. Insofern ein ganz kleiner Stern Abzug, weil Gayle - wie so viele, gerade auch deutsche „Popliteraten" - leider gar nicht erst versucht, Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu geben, sondern die Leser mit ihren Gedanken zurück und allein lässt. Dennoch: „virtuelle" fünf Sterne für die glänzende Unterhaltung!