Als Tochter eines berühmten Mannes zu leben kann zur Last werden und zu einer Bürde, insbesondere, wenn der Vater ein sehr schwieriger Mann ist!
Ursula Priess ist den gemeinsamen Spuren ihres Vaters und ihres eigenen Weges gefolgt.
Ihre Aufzeichnungen wurden zu einer intensiven Auseinandersetzung, die voller Widersprüche, Ängste und Vergeblichkeiten steckt.
Sie ist die Tochter von Max Frisch, einem der bekanntesten Nachkriegsautoren der Schweiz, aus dessen Feder so bedeutende Titel wie '"Mein Name sei Gantenbein"' oder
'"Stiller'" stammen. Er bemühte darin wechselnde Identitäten, vielleicht als Teil seines eigenen Beziehungsunvermögens. Später schrieb er politische Theaterstücke, als bekannteste seien hier die Stücke "'Biedermann und die Brandstifter'" und "Andorra"' genannt.
Warum beziehe ich mich auf diese Titel?
Sie zeigen einen hoch begabten jedoch von unglaublicher Unruhe gezeichneten Mann, dessen Frauenbeziehungen häufig wechselten. Mit einem solchen Vater verbunden zu sein, mag erhebliche Irritationen auslösen. Und darum geht es in diesen Reflexionen über eine Vater-Tochterbeziehung.
In assoziativer Manier wechseln die Schauplätze und Bilder, in denen sich Ursula Priess ergeht. Die Diktion wechselt vom "'Ich"' zum verfremdenden "'sie"'.
Ursula Priess lernt einen Mann kennen, in den sie sich verliebt, und mit dem sie sich in Venedig trifft. Wie sich herausstellt, hat er ihren Vater gekannt. Sie kommen erst allmählich auf diesen Tatbestand, und ihre Beziehung beginnt kompliziert zu werden.
Hat es einst eine Rivalität um Ingeborg Bachmann zwischen diesem Mann und Max Frisch gegeben?
So wie ihr Vater das Tagebuch als literarische Form bevorzugte, ähnelt die Bestandsaufnahme von Ursula Priess einer Tagebuchaufzeichnung.
Man kann an den mit Daten versehenen Kapiteln ablesen, zu welcher Zeit sie sich wo aufgehalten hat. Rom und Zürich, Locarno und der Luganer See waren Stationen, an denen sie Erinnerungen an den Vater überkommen. Fassbar ist sein Charakter nicht, und eine Beziehung im väterlichen Sinne konnte nicht entstehen. Zu selbstbezogen scheint der Vater gewesen zu sein, als dass sein Einfluss nachhaltig positiv gewesen wäre. Die Eltern lebten in Spannung. Als Kind reagiert die Tochter mit Gefühlen des Missbehagens auf die unausgesprochenen, dumpfen Bedrückungen. Eine stille Bewunderung ist jedoch beim Lesen der Aufzeichnungen zu spüren, zugleich auch immer wieder Distanz und Fremdheitsgefühle.
Die Assoziationen gleichen vorüber ziehenden Impressionen eines Lebens, in der Ursula Priess den Vater zu fassen trachtet, ängstlich, nervös, überwältigend und suchend. Ihr Erzählstil ist gleichzeitig verschleiernd und aufdeckend, Spuren suchend und verwerfend, sich mühsam annähernd.
Es bleibt eine stete Angst, den Vater durch in seinen Augen ungebührliches Verhalten zu verlieren. Das falsche Wort zur falschen Zeit,--es könnte die Beziehung zerstören! Liebt sie ihn also doch mehr, als sie sich das eingestehen wollte in all' den Jahren?
Vorsichtig erfahrene Nähe zeigt sich erst kurz vor seinem Tod, als die Tochter sichtlich erschüttert den Vater in Schwäche und Verfall erlebt.
Durch die Erinnerungen der Tochter ziehen sich die Frauengeschichten des Vaters, der, einmal getrennt, nie wieder von der Mutter der Autorin etwas wissen will. Eifersucht und Enttäuschungen markieren die Stationen, die er mit den jeweiligen Geliebten teilt.
Mit Erschütterung liest man, wie Vater und Tochter einander umkreisen, sich bemühen, in archaischen Widersprüchen ersticken, Glück und Unglück erfahren, und der Vater sogar von ' Schuld' spricht, die in einem Leben unausweichlich neben dem Glück erscheint.
Die Autorin, die als Heilpädagogin gearbeitet hat, lebt im Norden Deutschlands. Sie steht dem Vater in nichts nach mit ihren Aufzeichnungen. Sie zeigt sich als sensible, wache und wunderbar formulierende eigenständige Dichterin, die in gesetzten Worten treffend und plausible ihre innere und äußere Spurensuche nach dem Vater beginnt und vollendet.