"Dann sinkst du in die ew'ge Nacht zurück,
Siehst tausend Elend auf dich zielen,
Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!
Ja erst im ausgelöschten Todesblick
Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück."
(Ludwig Tieck, aus dem Gedicht Melancholie)
William Styron (1925-2006) hat bis an die Grenzen des Erträglichen über Monate unter dieser Krankheit gelitten und ist zurückgekommen, davon zu berichten. Seit Enkes Freitod aus einer Depression heraus ist in diesem Lande das Thema in die Öffentlichkeit gezerrt. Wie ein großer Tsunami überrollte es die Gemüter, um doch wieder abzuschwellen. Mit den Neuerscheinungen des Jahres 2010 von Miriam Meckel (Brief an mein Leben) und ihrer Selbstdarstellung ihres Burn-outs und auch von Styrons Veröffentlichung aus dem Jahre 1990 in deutsch sind die Themen: Burn-out, Depression und Melancholie parallel zum gesellschaftlichen in literarischen Blickpunkt gerückt. Doch in der Literatur sind die menschlichen Befindnisse schon immer deren Wurzeln, denn die Geheimnisse des Menschseins, seiner Seele und seiner Verfassung waren die Inspirationen für Sophokles, Aischylos, Dante, Chaucer, Shakespeare und andere.
Die berühmteste Gemütsverfassung und deren Umgang damit kennen wir von Hamlet. "Sein oder Nicht-Sein?" - diese Frage stellt sich den Betroffenen und in dieser Weise begegnen wir hier Styron in all seiner Aufrichtigkeit im Kampf um sein Leben gegen die Depression. Ihm gelingt es, aus der eigenen Erfahrung die Erfahrungen anderer, real oder angelesen, zu integrieren und ein Muster aufzubauen, was ihm hilft, sich aus dem "Sturz in die Nacht" so zu befreien, dass am Ende eine "lichte Weltenseite" (Dante) erscheint, die dem Tieckschen "ersten Glück" entspricht. Auch ihm stellte sich die Frage des wirklich ernsten philosophischen Problems, wie es Camus im Mythos formulierte: dem Selbstmord. Eben die Frage nach jener Entscheidung, ob sich das Leben lohne oder nicht?
William Styron hat subjektiv, persönlich und offen sich all die Monate an dieser Frage gerieben, zumal mit zunehmender Wirkung der Depression die Frage um so dringlicher wurde. Hilfe fand er bei seiner Frau, die Empathie und emotionalen Beistand im Übermaß hatte, bei seinem Arzt, den er als nunmehr Hobby-Pharmakologe als ärztlichen Sparringspartner Wert schätzte. Aber letztendlich war der Aufenthalt in einer Klinik gewinnbringend und heilend. Dieses 'auf-sich-zurückgeworfen-werden' in der Abgeschiedenheit und für die Dauer des Klink-Aufenthaltes haben ihn geheilt. Seine Erfahrungen, sein angelesenes medizinisches Wissen, seine Denkmodelle teilt er dem interessierten Leser mit. Sein Pendeln zwischen "unrealistischer Hoffnungslosigkeit" und der erfreuten Zuneigung anderer Menschen rückt er beredt in den Fokus der Betrachtung. Es gelingt dem Leser, sich dem Autor nahe, wie auch weit entfernt, d.h. sachlich begleitend zu nähern. Es scheint, dass genau diese Krankheit auf der einen Seite ihm einen Knacks gegeben hat, andererseits dieser Knacks ein besseres Bewußtsein bewirkte. Er gibt sich als Beispiel für den möglichen Sieg über die Depression, aus der Nacht tritt er hervor "zum Wiedersehen der Sterne". (eine Anmerkung aus dem London Konzert von Leonard Cohen: aus ANTHEM: There is a crack in everything / That's how the light gets in.)
Zu wissen, dass eine Heilung nicht von Dauer sein muss, macht es ihm leicht nach dieser Erfahrung damit umzugehen. Er weiß eben, dass er das Schicksal des Sisyphos teilen können müßte, aber seit Camus wissen wir, dass Sisyphos als ein glücklicher Mensch zu betrachten ist.
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