Auf dem Fundament seiner umfangreichen Recherchen hat Soyener einen Roman aufgebaut, der sehr gewissenhaft dem Grundriss seiner Fakten folgt und sich dennoch liest, wie eine freie Erzählung. Wie die Geschichte der Kenterung der Pamir endet, ist bekannt. Der Leser kann auf keiner Seite Zweifel hegen, wie die Sache ausgeht. Der Autor stellt eine dramatische Skizze des Endes, nämlich des Untergangs der Viermastbark gleich an den Anfang seines Buches, um seinen nun anhebenden Erzählen jene dunkle Folie zu hinterlegen, die als das tragische Moment aller Vorkommnisse auf dem und um das Schiff einfärbt. Dann erst vertieft sich der Autor in seine Geschichte von der letzten Fahrt der Pamir. Und sie wird aus wechselnden Blickwinkeln sehr lebendig und facettenreich erzählt. In diesem Buch herrscht nicht die Spannung, des »was passiert?«, sondern die des »wie passiert es?«.
Soyener schafft interessante und glaubwürdige Charaktere, die zu einem Teil sehr gut bezeugt sind, zum anderen weitgehend angelehnt sind an Besatzungsmitgliedern die damals die letzte Fahrt mitgemacht haben. Zu den eigentlichen Vermittlern des Geschehens gehört eine Gruppe von fünf Kadetten, von Auszubildenden also, die gleichsam mit dem Leser zusammen zum ersten Mal das Schiff besteigen. Auch sie sind übrigens zum Teil durch erhaltene Briefe bezeugt, die sie während ihrer letzten Reise schrieben. Soyener zeichnet sie sehr einfühlsam und glaubwürdig.
Was den vielfarbigen Wassern des Atlantiks wie nebenbei entsteigt, offenbart nichts anderes als routiniert geschäftsmäßiges Versagen und kalt bilanzierte Verantwortungslosigkeit von Reeder und Stiftung. Wer will, kann die Hintergründe zum Roman nachrecherchieren unter www.pamir-sturmlegende.de.
Der Untergang wird mit einer Präzision beschrieben, die man nicht so schnell vergessen kann. Unfassbar heute noch, wie sorglos die Pamir in das Sturmfeld des Hurrikans Carrie gesteuert wurde. Die Schilderung des tragischen Ende der jungen Kadetten, die den Strapazen und dem Wassermangel erliegen, gehören mit zu den eindringlichsten Schilderungen des Romans. Ein Muss, was Zeitgeschichte und Zeitgeist anbelangt. Soyener ist damit ein einmaliger Roman gelungen. Fünf Sterne sind mehr als verdient.