Sturmhöhe ist - obwohl ich wirklich viel lese - eines der wenigen Bücher, die mich wirklich zu Tränen gerührt haben, ein kraftvolles, einzigartiges Buch, seiner Zeit weit voraus. Obwohl es eine Liebesgeschichte ist, ist es kein romantisches Buch, wer also seitenlange Kuschelszenen erwartet und auf ein rosarotes Happy End hofft, der wird mit dem Buch nichts anfangen können. Wer aber damit zurechtkommt, dass Catherine und Heathcliff einander eigentlich nicht lieben, sondern süchtig nacheinander sind, wer damit zurechtkommt, dass in dem Buch Frauen geschlagen werden (Eine im 18. Jahrhundert übliche Praktik) und dass viel Leid und viele Tode geschehen, der wird Sturmhöhe, leider Emily Brontës einziger Roman, sicher lieben.
Die Autorin wurde sicherlich von ihrem eigenen Leben beeinflusst, während sie schrieb. Ihre ältere Schwester Charlotte, die selbst als Autorin mit dem Roman Jane Eyre berühmt wurde, beschrieb sie als "Stärker als ein Mann und einfacher als ein Kind". Emily war zurückgezogen, wanderte lieber im Moor und machte Naturstudien - für eine Frau dieser Zeit sehr ungewöhnliche Hobbys -, als sich am Haushalt zu beteiligen wie ihre Schwestern, ihr Bruder war drogen- und alkoholabhängig und die Gegend hatte selbst für damalige Verhältnisse eine hohe Sterblichkeitsrate. Das alles spiegelt sich in Sturmhöhe wider.
Die Protagonisten, Heathcliff und Catherine, führen mehr eine Hassliebe zueinander denn eine romantische, sie machen einander oft Vorwürfe, handeln entgegen ihrer Überzeugungen, und Catherine ist sogar kaltschnäuzig genug, einen anderen, von Heathcliff verlachten, Mann zu heiraten, weil Heathcliff keinen Besitz und kein Geld hat. Als Catherine schließlich im Kindbett stirbt, bricht für Heathcliff eine Welt zusammen und er tut alles, um sich am Rest von Catherines Familie und der ihres Ehemannes, Edgar Linton, zu rächen. Nur aus Rache heiratet er auch Edgars Schwester Isabella, die ihn tief liebte und die er so lange misshandelt, bis sie flieht.
In diesem Roman gibt es kein strahlendes Heldenpaar, alle handelnden Charaktere sind auf ihre Weise düster - Heathcliff in seiner ganzen Art, Catherine mit ihrer Wechsel- und Launenhaftigkeit, Nelly, die sich nie entscheiden kann, auf wessen Seite sie steht, Edgar, der ein Weichling ist und allein wegen Heathcliffs Ursprung (Er ist dunkelhäutig) Vorurteile gegen ihn hegt, Hindley, der trinkt und Heathcliff als Kind misshandelt, Isabella wegen ihrer Naivität, Hareton wegen seiner Rau- und Dummheit, Linton, der viel zu verwöhnt ist und Cathys Liebe ausnutzt - kurz: Es gibt keinen Charakter, der perfekt ist, aber trotzdem sind sie alle so gut ausgearbeitet, dass man all ihre Motivationen verstehen kann, dass man sich in sie hineinversetzen, mit ihnen leiden und für sie weinen kann.
Die Charaktere sind tiefgründig, ihre Geschichten traurig - und das ist es gerade, was die Liebe zwischen Heathcliff und Catherine so einzigartig macht, was sie über andere Romanzen hebt: Sie ist realistisch. Ich werde es zwar nie verstehen, weswegen sich starke Frauen wie Catherine zu kaputten Männern hingezogen fühlen, von denen sie wissen, dass diese auch sie selbst kaputt machen können und werden, doch es dürfte hinreichend bekannt sein, dass es trotzdem ein Fakt ist. Catherine weiß sehr gut, dass Heathcliff boshaft, durchtrieben und unheilbringend ist und trotzdem will sie sich nicht von ihm fern halten, ebenso weiß auch Heathcliff, dass Catherine eine egozentrische, ichbezogene und sehr auf den eigenen Vorteil bedachte Frau ist, die seine Liebe ausnutzt, und dennoch liebt er sie so sehr, dass er sogar ihre Leiche exhumieren lässt, um noch einen Blick auf sie zu werfen.
Die Geschichte handelt eigentlich nicht von Liebe, sie handelt von zwei Menschen, deren Seelen so verbunden zu sein scheinen und die so leidenschaftliche Gefühle zueinander haben, dass sie alles zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt, sogar sich selbst. Die Geschichte handelt von Verleumdung, Erniedrigung, Verachtung, Leidenschaft in ihrer dunkelsten Form. Dabei wird jedoch jedes Urteil dem Leser selbst zugesprochen, Nelly Dean, die Hauswirtschafterin, aus deren Sicht die Geschichte erzählt ist, be- oder verurteilt niemals. Vielleicht wird das Buch deswegen so oft für eine romantische Liebesgeschichte missverstanden. Trotz allem: Catherines Ausspruch: "Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub im Walde: Die Zeit wird sie verändern, ich weiß es wohl, so wie der Winter die Bäume verändert. Meine Liebe zu Heathcliff gleicht den unterirdischen ewigen Felsmassen: sie sind keine Quelle großen Entzückens, aber sie sind notwendig. Nelly, ich bin Heathcliff!" ist eines der romantischsten Dinge, die ich je gelesen habe.
Heathcliff ist mit Sicherheit einer der wunderbarsten Unholde der Weltliteratur. Gerade von weiblichen Fans wird er oft zum romantischen Helden verklärt, aber eigentlich würde man, wenn einem nicht direkt gesagt werden würde, dass er ein Protagonist ist, ihn für den Antagonisten halten. Ich kann die Faszination verstehen, die er auf viele weibliche Leser ausübt, auch auf mich. Ich denke, dass auch das einer der Reize ist, die das Buch zu bieten hat: Man kann sein Treiben quasi aus sicherer Entfernung beobachten, seine rigorosen Versuche, sein ganzes Umfeld in Unglück zu stürzen, man kann ihn bewundern, vielleicht sogar dann und wann Mitleid für ihn hegen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Er ist mehr ein Held im Stil Byrons als ein Ritter auf einem weißen Ross, und das scheint mir mit einer der Gründe zu sein, weswegen das Buch gerade von jugendlichen Lesern oftmals missverstanden wird. Es kann eben nicht jeder ein Edward Cullen oder ein Johnny Castle sein, doch im Gegensatz zu diesen ist Heathcliff eine gut ausgearbeitete, stark charakterisierte und zutiefst realistische Persönlichkeit, wenn auch keine Identifikationsfigur.
Als ich las, dass das Buch "behutsam modernisiert" worden sei, zögerte ich erst einmal, abgeschreckt durch geradezu perverse Übersetzungen wie die Krege-Übersetzung des Herrn der Ringe (Wo Galadriel "kichert", Gandalf "grinst" und die Hobbits "Fritten" essen), doch ich muss sagen, dass die Übersetzung durchaus gelungen ist. Während ich die melodiöse Sprache des 18. und 19. Jahrhunderts zwar sehr mag, kann sie doch zugegeben anstrengend zu lesen sein. Ich habe das Buch auch im Original gelesen und kann daher sagen, dass an dieser rein nichts auszusetzen ist.
Einer der schönsten Aspekte an Emily Brontës Werk ist, dass sich in dieser einen Geschichte so viele verstecken. Was wird nach dem Ende aus Cathy und Hareton? Wer war jener Hareton Earnshaw aus dem 16. Jahrhundert, dessen Name am Eingang von Wuthering Heights zu lesen ist? Wie kam Nelly in den Dienst der Earnshaws? Wohin floh Isabella? Sah Lockwood wirklich Catherines Geist oder träumte er nur? Was taten Heathcliff und Catherine, wenn Nelly nicht zugegen war? Wo hat Heathcliff sein Vermögen gemacht? Gerade zu ihm gibt es viele Fragen, etwa die nach seiner Herkunft - der alte Earnshaw bringt ihn eines Tages einfach aus den Straßen von Liverpool mit, er spricht kein Englisch, ist dunkelhäutig und offensichtlich schon mehr als sechs Jahre alt. Man nennt ihn einen Zigeunerfindling, aber es gibt Theorien, dass er ein Bastardsohn Earnshaws ist und aufgrund all der anderen paranormalen Elemente auch die, dass er ein Dämon oder Ähnliches ist. Gegen Ende des Buches äußert Nelly diese Theorie, Heathcliff verabscheut alles Geistliche und mehrmals ist von seinen "scharfen Zähnen" die Rede.
All diese Fragen, all diese Taten und möglichen Motive machen Wuthering Heights zu einem Klassiker der besonderen Art, ein inspirierender Roman voller Leidenschaft, den man, wenn man ihn versteht, wieder und wieder lesen kann, ohne dass es einem langweilig wird, so reichhaltig, so detailverliebt ist Emily Brontës Stil.