Dieses Buch spricht so viele Themen gleichzeitig an, dass man am Ende nicht weiß, welches man jetzt das "eigentliche" Thema des Buches nennen sollte.
Es ist die grandiose Schilderung einer Schwester-Beziehung, die über den Tod hinaus fortwirkt. Das enge Verhältnis ist fast so wie das von Zwillingsschwestern, es ist ein Aneinander-gekettet-sein, ein Sich-so-ähnlich-sein, das schön ist im Zusammenleben und schrecklich zugleich im vergeblichen Versuch, das eigene Leben zu leben.
Es ist auch ein Buch über Schuldfragen, die das Leben aufwirft. Trifft Armanda eine Schuld am Tod ihrer Schwester, weil sie den Vorschlag zu einem letztendlich schicksalhaften Ausflug machte, auf den sich Lidy begibt? Der Verstand sagt "nein, aber...". Dieses "aber" wird die Überlebende den Rest ihres Lebens nicht loslassen, und das spürt man mehr als dass es direkt ausgesprochen wird.
Zum dritten ist es aber auch ein Buch über Leben und Sterben, es beschreibt uns, wie sich das Leben mit seinen von uns immer als so großartig bewerteten Verzierungen auf ein Minimum reduziert im Angesicht der Katastrophe. Margriet de Moor kann das so eindrucksvoll schildern, dass man glaubt, selbst dieses Chaos, das die Sturmflut auslöst, diese nahende Katastrophe mit ihrer Schritt für Schritt größer werdenden Ausweglosigkeit erlebt zu haben. Am Schluss ist das ganze Leben zusammengeschnurrt auf ein Sich-Festklammern an etwas - egal was -, das noch über Wasser hält. Es ist so spannend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag, und es ist so eigen-artig in der wirklichen Bedeutung dieses Wortes. Lidy, die dem Sturm Ausgelieferte, jammert und klagt nicht, auch lässt sie nicht ihr Leben Revue passieren in dieser Ausnahme-Situation; sie beobachtet, fühlt und staunt, ist mit allen Sinnen dabei bis zum Schluss.
Abgesehen von den letzten 20 Seiten dieses Buches, das "Responsorium" genannte Kapitel, das ich für schlicht überflüssig halte, ist dieses Buch von Margriet de Moor ein gelungener, anspruchsvoller und in seiner Schilderung der Flut-Katastrophe atemberaubender Roman, der in seiner psychologischen Feinfühligkeit fast an ihren Roman "Erst grau, dann weiß, dann blau" herankommt - fast:)