- Taschenbuch: 134 Seiten
- Verlag: Residenz Verlag; Auflage: 1. (1996)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3701710120
- ISBN-13: 978-3701710126
- Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,2 x 2 cm
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Produktinformation
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Gertrud Eysoldt und Hofmannsthal: die Briefe
Franz Kafka fühlte sich, nachdem er die junge Schauspielerin Gertrud Eysoldt als Ophelia gesehen hatte, «von ihrem Wesen und ihrer Stimme beherrscht». Alfred Kerr bewunderte ihren «Stil der malenden Schauspielkunst». Siegfried Jacobsohn schwärmte von ihren «malenden Gebärden» und ihrer «sangartigen Rede». Alfred Polgar faszinierte ihr «Schleichen à la Tigerin, immer an der Wand lang» in jener Rolle, die sie im Jahre 1903 mit einem Schlag zu einem epochalen Ereignis des Berliner Theaters werden liess: der «Elektra» Hugo von Hofmannsthals. Den Anstoss zur Komposition seiner Oper hat Richard Strauss nicht zuletzt auf die verstörende Ausstrahlung der Interpretin zurückgeführt. Ihre unruhige, laszive und geheimnisvolle Bühnenpräsenz erschien dem Berliner Publikum als Inbegriff einer radikal neuen Ausdrucksweise, die jeder naturalistischen Direktheit den Kampf ansagte. «Ich stürze alles um ich bin ruhelos ich will etwas schaffen», schrieb die Schauspielerin an Hofmannsthal und forderte, berstend vor Energie und Hunger nach szenischer Darstellung, weitere Stücke und Rollen.
1911 ist sie (in der Rolle der Werke) bei der Uraufführung des Salzburger «Jedermann» dabei. In vielen Inszenierungen Max Reinhardts wurde sie als Minna von Barnhelm, als Lulu, als Salome oder als Puck zum gefeierten Mittelpunkt. 1920/21 übernahm sie sogar die Direktion des Kleinen Schauspielhauses in Berlin und setzte gegen die Widerstände von Sittenpolizei und Ignoranz die Uraufführung von Schnitzlers «Reigen» durch. Sie hat die glanzvolle Geschichte des deutschen Theaters im ersten Drittel dieses Jahrhunderts erheblich mitgeprägt. Das abrupte Ende 1933, bedingt durch die Flucht Max Reinhardts (mit dessen Bruder Edmund sie einige Zeit verheiratet war), liess ihren Ruhm schnell verblassen. Mit belanglosen Filmchen hielt sie sich notdürftig über Wasser, später arbeitete sie auch mit Laienspielgruppen. 1955 ist sie im bayrischen Ohlstadt gestorben, schon zu Lebzeiten eine Legende.
Gertrud Eysoldts phänomenale Bühnenwirkung erschliesst sich uns nur noch aus zeitgenössischen Rezensionen. Um so erfreulicher, dass sich, neben einigen prägnanten Aufsätzen, ein intensiver Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal erhalten hat. In einem sorgfältig edierten und kenntnisreich kommentierten Band hat ihn Leonhard M. Fiedler dem Archivschlummer des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main entrissen. Das Buch dokumentiert ein äusserst lebendiges Porträt dieser kämpferischen, sich dem Theater rückhaltlos ausliefernden Schauspielerin und belegt die heftigen wechselseitigen Anregungen. Darüber hinaus ist es eine liebevolle Hommage an einen Dritten im Bunde: den von beiden Briefpartnern bewunderten Max Reinhardt. Es geschieht nicht oft, dass die Briefe einer Schauspielerin es mit denen eines genialischen Autors aufnehmen können, aber Gertrud Eysoldts zwischen Gedankenstrichen atemlos dahinjagende Sätze berühren oft unmittelbarer als die wohlgesetzten und immer ritterlichen, aber noch in der Bewunderung vornehm distanzierten Formulierungen Hofmannsthals. Als die Briefpartnerin den Dichter einmal bedrängt, an einer geplanten Privatvorstellung der «Elektra» für Eleonore Duse teilzunehmen, lehnt dieser die Einladung mit den Worten ab: «Wenn ich wegfahre ohne Urlaub, riskieren ich zu viel Zuwideres.» Er schickt ihr Rosen, hält mit Zuspruch nicht zurück, versteckt sich aber auch hinter poetischen Andeutungen: «Wir wollen einander immer wieder Gestalten und nichts als Gestalten schenken wie viel schöner ist das als Worte, und selbst Blicke und alles übrige.»
Für Gertrud Eysoldts «aufgerissenes Wesen», die «Qual und Scham» ihrer Kämpfe, hat Max Reinhardt Tröstlicheres bereit. Er sei, so berichtet sie dem Dichter, «ein verstehender Freund und einer, der sehr keusch ist, wenn er dem Schmerz gegenüber steht». Und doch erkennt sie in Hofmannsthal, dessen Werke sie förmlich verschlingt, «das verwandte Wesen der Temperamente». Ihr letzter erhaltener Brief an den «verehrten Freund» vom September 1919 aus Wien («Ich kann Wien nicht leiden», stöhnt sie) macht jedoch das Ungleichgewicht der Anziehung zwischen den beiden noch einmal sehr deutlich: «Seit acht Tagen bin ich hier und habe Sie nicht gesehen und doch sind Sie der einzige Mensch hier, der mir kostbar ist.» Hofmannsthal bedeutete die Begegnung mit seiner ersten Elektra «ein Schlüsselerlebnis». Der Schauspielerin war sie weit mehr: «Alles werde ich sein, was Sie wollen alles werde ich können was Sie wollen.»
Matthias Wegner -- Neue Zürcher Zeitung