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Klinger an E. Schleiermacher
am 3. April 1776
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Klingers Werk ist sehr unterhaltend. Bei mir kam das Gefühl der Langeweile nie auf. Dafür sehe ich verschiedene Gründe. Vor allem die häufigen Szenenwechsel und die vielen Dialoge geben dem Drama sein Leben. So kommen während eines Aktes bis zu fünf Szenen vor, was sehr viel Abwechslung verschafft. Ebenfalls sehr belebend wirken die auf den ersten Blick recht unterschiedlichen Charakteren. Da stehen auf der einen Seite die Aufbrausenden, Wilden, Tollkühnen: Wild, der Kapitän und auch Lord Berkley, auf der anderen Seite die eher Ruhigen, Bewussten: Caroline, Blasius oder auch Katharine. Doch ich habe bei genauerem Hinschauen bemerkt, dass die Personen eigentlich doch sehr ähnlich und miteinander verbunden sind, geht es doch schliesslich bei allen darum, die eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen oder auszuleben. Da sehe ich auch eine Verbindung zu der Epoche Sturm und Drang. Die Schriftsteller richteten sich vor allem auf die Gefühle aus. Sie rückten sie in den Vordergrund und wollten jede Art von Unterdrückung verhindern. Doch die Konzentration auf die Gefühle empfinde ich durchaus nicht nur positiv. So bekommt man zwar mit, dass die Handlung in Amerika spielt und dass gerade der Unab-hängigkeitskrieg der amerikanischen Siedler von der Kolonialmacht England tobt, doch von sonstigen politischen oder sozialen Zusammenhängen erfährt der Leser nicht viel. Ein Motiv, dass ich erkannt habe, stellt die Flucht der Helden La Feu, Wild und Blasius aus ihren Heimatländen dar. So erging es tatsächlich auch den kritischen Personen im 18. Jahrhundert. Durch die schwierigen politischen und sozialen Situationen sahen sich viele gezwungen, zu fliehen. Auch Klinger floh vor dem Alltag, einerseits durch eine Karriere im Militär, wo er es bis zum Generalmajor brachte, andererseits durch seinen Wegzug nach Russland. Insofern sind politische und soziale Motive schon zu erkennen, wenn auch meist nicht auf den ersten Blick. Bei diesem oftmals verwirrend wirkenden Zusammenspiel der Gefühle leidet für meinen Geschmack die Struktur des Dramas ein wenig. Was ich oben als durchaus positiven Punkt in Sachen Unterhaltung angebracht habe, empfinde ich hier als negativ. Die schon oben genannte Szenenflut steigert zwar den Unterhaltungswert, jedoch auch die Verwirrung. Klinger versucht zwar, durch die Sprache und die Motive Klarheit in das Stück zu bringen, aber der Eindruck der Verwirrung blieb mir bis zum Ende. Ich bin auch der Ansicht, dass das ganze Drama sehr kitschig wirkt. Die Figuren werden durch Klinger in eine Rolle gesteckt, die sie, so macht es mir zumindest den Eindruck, gar nicht haben wollen. Das Ganze sieht dann wie konstruiert oder aufgesetzt aus. Sehr gut zu erkennen ist dies bei La Feu. Er wirkt oft, als wolle er sich gegen seine Gefühle wehren, sie verbergen. Doch der Autor lässt ihn nicht. Zwar lebt La Feu seine Gefühle nicht so stark aus wie Wild, aber ich erkenne doch eine klare Extrovertiertheit. Auch wenn ich mehrheitlich negative Aspekte oben aufgeführt habe, bleibt mir doch im Ganzen ein recht positiver Eindruck von „Sturm und Drang". Auf den ersten Seiten hatte ich noch etwas Schwierigkeiten, Klingers Gedankengängen zu folgen, doch je länger das Drama dauerte, desto vertrauter wurde ich mit den einzelnen Charakteren. Und gegen Ende konnte ich sogar mit ihnen irgendwie mitfühlen. Sicher ist dies vom Autor gewollt. Die eigenen Gefühle sollen angeregt werden, man soll sich über sie klar werden und auch darüber reden können. Ein wenig davon hat Klinger bei mir erreicht.
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