Die aktuelle Lage im Irak, das harte Auftreten des amerikanischen Präsidenten und der Erfolg von Michael Moores Film 'Bowling for Columbine' haben das Buch 'Stupid White Men' in kürzester Zeit in die Spitzen der Verkaufscharts katapultiert; und das, obwohl es für ein politisches Sachbuch schon als alter Schinken gelten müsste. Immerhin wurde das Buch vor dem 11.09.2001 geschrieben und kann also nicht auf die Auswirkungen der Terroranschläge eingehen, welche das Weltgeschehen so gründlich verändert haben. Trotzdem kann man 'Stupid White Men' eine gewisse Aktualität nicht absprechen.
Ich denke, dass Moore derzeit vielen Leuten einfach aus der Seele spricht. Äußert man sich als Europäer kritisch über die USA bzw. über deren Regierung, so wird einem knallhart das Wort 'Antiamerikanismus' um die Ohren geschlagen, meist noch mit dem Hinweis, man möge sich (vor allen Dingen als Deutscher) ersteinmal mit den Verfehlungen der eigenen Geschichte befassen. Mit Sprüchen wie 'Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns' wird man sehr schnell auf ein Abstellgleis abgeschoben, sollte man anderer Meinung sein. Damit man nun nicht völlig an seiner Weltanschauung verzweifeln muss, haben die Vereinigten Staaten von Amerika eine laute und rotzfreche Stimme mit dem Namen Michael Moore hervorgebracht.
Wichtig ist: Er ist US-Amerikaner. Seine Kritik kommt also nicht von außen. Er lebt in diesem Land und ist meiner Meinung nach ein echter Patriot! Ja, er liebt die USA. Es ist keine Liebe, die sich in Fahnenfetischismus und Absingen der Nationalhymne erschöpft. Moore möchte stolz auf sein Land sein, allerdings gestattet er sich keinen oberflächlichen Hurra-Patriotismus, sondern hinterfragt und kritisiert. Dies geschieht in einer recht aggressiven und ätzenden Art und Weise, die allerdings immer wieder seinen feinen Sinn für Humor durchscheinen lässt. Nicht umsonst versteht sich 'Stupid White Men' als eine Mischung aus Sachbuch und Satire.
Ich kann durchaus verstehen, wenn Moores polternde Polemik als unangenehm, unsachlich und unpatriotisch verstanden wird. Allerdings ist es gut zu wissen, dass es, entgegen dem weit verbreiteten Klischee, auch noch genügend Amerikaner gibt, die mit der Politik ihrer Regierung hart ins Gericht gehen und ihren Unmut darüber mutig äußern. Zugegeben, sollte man eine andere Meinung vertreten als Moore, wird man sich durch dieses Buch extrem auf den Schlips getreten fühlen. Gerade weil er so aggressiv schreibt, wird es Ihm wohl auch kaum gelingen, Leser mit anderer Meinung auf seine Seite zu ziehen. Es ist ein Buch, das sein Publikum mit Sicherheit spaltet: Man liebt es oder man hasst es!
Moore gelingt es auf sehr unterhaltsame Weise, das Hickhack der letzten Präsidentschaftswahlen und die beunruhigenden Verflechtungen zwischen vergebenen Ämtern, Aktienbesitz und Wirtschaftsinteressen sehr verständlich darzustellen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Autor, wenn er vom Präsidenten spricht, diese Amtsbezeichnung grundsätzlich in Hochkommata setzt, um zu zeigen, dass er George Walker Bush des Wahlbetrugs bezichtigt. Er knüppelt aber nicht nur auf die Regierung ein, sondern versucht in einem verzweifelten Rundumschlag, diverse Mißstände der US-amerikanischen Gesellschaft (Rassismus, Bildungsnotstand, Umweltprobleme usw.) aufzuzeigen und anzuprangern. Seine Lösungsansätze gleiten dabei manchmal ins Absurde ab, was ihm allerdings zu verzeihen ist, denn immerhin sind die realen Hintergründe, die zu den aufgezeigten Zuständen geführt haben, oftmals noch viel absurder. Verzweiflung scheint Moores Hauptmotiv für dieses Buch gewesen zu sein. Oft beschleicht einen beim Lesen das Gefühl, dass er sich als Sehender unter Blinden fühlt, mit der Verpflichtung, diese auf den richtigen Weg zu führen. Mag sein, dass das sehr nach erhobenem Zeigefinger oder missionarischem Eifer aussieht, aber die Tatsachen und Argumente, die er dabei anbringt, wirken sehr überzeugend.
Wer dieses Buch sehr genau durchliest, wird übrigens auch Parallelen zum Zustand der deutschen Gesellschaft finden. Nicht, dass sich nun sämtliche amerikanische Verhältnisse 1:1 übertragen liessen, aber Moores Blick auf die USA kann durchaus dazu beitragen, auch die eigene Gesellschaft und Politik mit anderen Augen zu sehen.
Das Buch birgt, aufgrund seiner recht einseitigen Sichtweise, eine große Gefahr, Antiamerikanismus und Vorurteile zu schüren. Obwohl es recht locker und witzig geschrieben ist, sollte man sich die Mühe machen, es sehr sorgfältig zu lesen. Erst dann wird dem Leser trotz der ätzenden Kritik klar, dass es sich hier um ein absolut pro-amerikanisches Buch handelt, denn es will etwas verändern und eine Verbesserung der Lage herbeiführen - es versteht sich als ein grober (aber ernst gemeinter) Denkanstoß.
Ich habe mir übrigens überlegt, meiner Wertung ein bis zwei Sterne Abzug zu gönnen, da mir durchaus bewusst ist, dass das Buch in weiten Teilen eine sehr einseitige Perspektive und eine starke Vereinfachung von Tatsachen vermittelt. Andererseits hat mir Moores Werk so gut gefallen, das ich gar nicht umhin konnte, ihm volle fünf Sterne zu geben. Ich habe aber durchaus Verständnis für die Gegner von 'Stupid White Men', die sich wünschen, Amazon würde eine Null-Sterne-Wertung zulassen.