"Stunde des Skorpions" war der erste und einzige Science-Fiction-Film des DDR-Fernsehens.
Ich hatte diesen Dreiteiler seinerzeit (1968) als knapp Elfjähriger gesehen und ich erinnere mich, dass er damals eines der ganz großen Gesprächthemen im Freundeskreis war.
Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass Science Fiction (damals hieß das "Utopie" oder "wissenschaftliche Phantastik") vor allem bei Kindern und Jugendlichen in der DDR äußerst beliebt war. Dies hatte sicher zu tun mit der Fortschrittsgläubigkeit und der damit verbundenen hohen Zukunftserwartung, durch die meine Generation geprägt wurde.
Das SF-Literaturangebot war bis Ende der 60er Jahre jedoch recht bescheiden und das Filmangebot erst recht. In der DDR war bis zum Zeitpunkt der Ausstrahlung von "Stunde des Skorpion" erst ein einziger SF-Spielfilm ("Der schweigende Stern", 1960) entstanden. Immerhin gab es einige ausländische (zumeist sowjetische oder tschechoslowakische) Produktionen, die dem DDR-Zuschauer bekannt waren.
Ergo: Alles was in irgendeiner Form mit SF zu tun hatte, wurde damals begierig aufgenommen, natürlich auch die "Stunde des Skorpions".
Seit der Erstausstrahlung im Dezember 1968 hatte ich diesen Film nicht mehr gesehen. Da es aber einer meiner ersten SF-Filme überhaupt war, blieb er mir in nachhaltiger Erinnerung. Den Spruch des Computers "Elvira 10 - Elvira 10 - Vorgang 1-3-3-7" habe ich noch heute im Kopf, auch einige wenige Szenen (Fußstapfen mit der weißen Flüssigkeit, der Schatten ohne Brücke auf dem Mars und natürlich die Außerirdischen).
Nun war ich natürlich gespannt, wie er wohl heute (43 Jahre später!) auf mich wirken würde. Trogen mich womöglich meine positiven Erinnerungen?
Ich befürchtete einiges, denn Karsten Kruschel schrieb in seinem Aufsatz "Der SF-Film in der DDR" zu diesem Film: "Vermutlich sollte es nicht allzu teuer und auch nicht allzu dramatisch werden. Entsprechend langweilig war das Ergebnis. Von einer Aufführung nach der Wende auf einem Con in Dresden hieß es, das Publikum sei sanft entschlummert" (in: "Das Science Fiction Jahr 2007", Heyne 2007, S. 821).
Ich machte mich also aufs Schlimmste gefasst, aber so schlimm war es dann doch nicht. ;-).
"Stunde des Skorpions" ist (mit Ausnahme einiger überlanger Dialoge im 2. Teil) eine recht flüssig erzählte Story, die in der Zukunft spielt, mit zwar geringem Aufwand in Szene gesetzt wurde, aber doch einige Spannung zu bieten hat. Da gibt es einen mysteriösen Präsidenetenmord in einem kapitalistischen "Reststaat", Spione bemühen sich an das "Gravitron" zu kommen [eine Antigravitationsmaschine, die auch als Waffe eingesetzt werden kann] und der beteiligte Wissenschaftler Groneberg verhält sich ziemlich verdächtig. Dann tauchen ganz offensichtlich Unsichtbare auf - sind das Außerirdische oder irdische Agenten? Die Spannung resultiert weniger aus Actionszenen, sondern aus der "kriminalistischen Komponente", die den Zuschauer bis zum Schluss rätseln lässt, wie die einzelnen Handlungsstränge logisch zusammenhängen. Mehr zur Handlung soll hier nicht verraten werden.
Dass der Film auch heute noch sehenswert ist, verdankt er vor allem den vielen guten Schauspielern (Otto Mellies, Günter Schoß, Alfred Struwe, Vera Oelschlegel).
Vermutlich aus Marketinggründen wird bei der Produktbeschreibung oben Eva-Maria Hagen (die Mutter von Nina Hagen) als erste Darstellerin genannt, jedoch hatte sie in "Stunde des Skorpions" tatsächlich nur eine Nebenrolle. Die weibliche Hauptrolle (Dr. Kris Merten) spielte Vera Oelschlegel.
"Stunde des Skorpions" wird von anderen Rezensenten hier als Antwort des Ostens auf die "Raumpatrouille Orion" bezeichnet. Ich bin mir hingegen nicht so sicher, ob die Macher aus dem Osten das westdeutsche Pendant wirklich kannten und zum Vorbild genommen haben. Autor Günter Krupkat hatte schließlich schon mehrere erfolgreiche SF-Romane geschrieben und einer davon ("Die Unsichtbaren" von 1958) lieferte wesentliche Motive für die Fernsehverfilmung. Die Gemeinsamkeiten der beiden Produktionen beschränken sich daher m.E. auf folgende Merkmale:
- es sind jeweils die ersten (und letzten!) SF-Fernsehfilme in West und Ost
- es sind Schwarzweiß-Filme
- es sind Mehrteiler (7 bzw. 3 Teile)
- in beiden Produktionen spielen die Geheimdienste eine tragende Rolle
Dann hörts aber auch schon auf. Während die Raumpatrouille in eine sehr, sehr ferne Zukunft verlagert wird (Jahr 3000), begnügt sich die "Stunde des Skorpions" mit ca. 60 Jahren Vorausschau, was allerdings für den Zuschauer des Jahres 1968 auch in fast unvorstellbarer Ferne lag.
Während die Raumpatrouille vor pseudowissenschaftlichem Unsinn nur so strotzt (eine Supernova (!) fliegt z.B. mit halber Lichtgeschwindigkeit (!) auf die Erde zu, was man aber erst ein paar Tage vor dem Zusammenstoß bemerkt usw. usf.), hält sich Stunde des Skorpions doch recht streng an (damalige) wissenschaftliche Erkenntnisse und versucht auch die phantastischen Elemente (Gravitron, Tarnkappe) wissenschaftlich zu erklären.
Während der Aufwand für die Raumpatrouille für die damalige Zeit doch recht beträchtlich war (trotz der vielzitierten Bügeleisen, Duschköpfe und Bleistiftanspitzer wirkte die Ausstattung doch sehr futuristisch), beschränkt man sich in der "Stunde des Skorpions" auf ein paar technisch aussehende Pappkulissen, teilweise mit 0815-Druckschaltknöpfen aus der DDR-Produktion versehen. Das Eqipment der Gravitron-Forscher besteht im wesentlichen aus elektronischen Meßmodulen, wie es sie in den 60er Jahren tatsächlich schon gab und aus einem Robotron-Tischrechner, der ebenfalls der zeitgenössischen Produktion entstammte.
Der Aufwand für diesen Film war in der Tat relativ minimalistisch. Auf animierte Trickaufnahmen wird fast völlig verzichtet, einzige Trickszenen sind die rotierende Erdkugel jeweils am Anfang der 3 Teile, die schon erwähnten Fußstapfen des Unsichtbaren, der in einer anderen Szene auch kurz sichtbar gemacht wird und ein paar Raumschiffe (zu erkennen sind nur Lichtflecke vor einem Sternenhintergrund). Ach ja - da gibt es noch die Außenansicht der Raumstation "Mirna". Die ist aber - wie ich jetzt feststellte - dem sowjetischen SF-Film "Der Himmel ruft" entnommen.
Da es kaum Tricks gibt, können sie heute natürlich auch nicht unfreiwillig lächerlich wirken, wie das bei vielen Szenen der Raumpatrouille (explodierende Planeten etc) der Fall ist.
Allerdings: Auch was den beabsichtigten Humor betrifft, ist die Raumpatrouille im Vorteil, denn dort gibt es so manch witzigen Dialog, der bei der "Stunde des Skorpions" leider völlig fehlt. Das lag sicher daran, dass man Science Fiction zur damaligen Zeit in der DDR oft mit Prognostik (Vorausschau) verwechselt hat. Zu den Grundüberzeugungen damals gehörte, dass der real existierende Sozialismus eine Etappe auf dem Wege zur klassenlosen Gesellschaft - dem Kommunismus - sei. Dem Kommunismus gehöre die Zukunft und deshalb durfte diese Zukunft nicht lächerlich gemacht werden.
Eine schon fast gänzlich kommunistische Welt, wo es nur noch einige wenige kleinere kapitalistische Staaten gibt, bildet ja auch den Hintergrund der Handlung von "Stunde des Skorpions".
Heute sieht man sich das eher wie einen SF-Film mit einer Alternativwelt an: Was wäre, wenn der Sozialismus nicht zerfallen wäre ....
Deshalb:
Wer von Sciece Fiction viel Action, Kampfszenen und explodierende Raumschiffe erwartet und Spannung an der Anzahl der Toten bemisst, sollte die Finger von dem Film lassen.
Wer ein Faible für solide und intelligent erzählte Storys hat und vielleicht auch ein bisschen nostalgisch veranlagt ist, dem kann man zum Kauf raten.
Ich selber wurde jedenfalls nicht enttäuscht. Vier Sterne + einen persönlichen Nostalgie-Zusatzstern ;-)