"Silent to the Bone"
Ich habe „Silent to the Bone" zufällig in einem amerikanischen Buchladen gesehen und schreibe diese kurze Rezension daher nur für das englische Original; die Qualität der Übersetzung kann ich nicht beurteilen.
Faszinierend an diesem Buch ist weniger die zumeist absehbare Handlung als vielmehr die Intensität der beschriebenen Beziehungen. Nicht nur die Verbindung zwischen dem der Verletzung seiner Halbschwester Nicki beschuldigten und in Untersuchungshaft sitzenden dreizehnjährigen Branwell und dem gleichaltrigen Icherzähler Connor, sondern auch die Beziehungen zwischen Eltern und (Stief-)kindern. Gerade die für Kinder- und Jugendbücher ungewöhnliche Trockenheit und Schärfe vieler Formulierungen, mit welchen Blindheit, Gleichgültigkeit und Zurückweisung, aber auch Enttäuschung, Verletzung und überdauernde, auf Antwort hoffende Liebe geschildert werden, erhebt die Erzählung über den Schmalz vieler nur pseudorealistischer Geschichten über Familien und Freundschaften.
Ohne zuviel der Handlung zu offenbaren: Im Verlauf seiner Nachforschungen zwischen den Besuchen bei Branwell im Jugendgefängnis entdeckt Connor zwischen sich und seiner älteren Halbschwester Margaret, dem gemeinsamen Vater, seiner Mutter und der Mutter Margarets die gleichen Missverständnisse und die gleiche Sehnsucht wie sie zwischen Branwell, seinem Vater, der verstorbenen leiblichen Mutter und der Stiefmutter bestehen. Spätestens als Connor und Margaret Weihnachtseinkäufe tätigen und die Halbschwester auf die Frage nach einem Geschenk für den gemeinsamen Vater einen „Vorzugsplatz auf der Warteliste für eine Herztransplantation" nennt, ist jedem Leser klar, dass es bei Liebe und Hass in Familien nicht nur um billige Kinogefühle geht, sondern um existenzielle Leidenschaften, die einen Dreizehnjährigen vielleicht sogar dazu verleiten könnten, seiner eifersüchtig beneideten Halbschwester etwas Schreckliches anzutun ...