Annie Taylor ist zwölf, hat aber schon viele Männer kommen und gehen sehen. Ihre attraktive Mutter ist flatterhaft und entscheidet sich immer wieder für die Falschen. Auch Tom Boyd, der UPS-Fahrer, ist zwar muskelbepackt, hat aber ansonsten keinerlei Vaterqualitäten. Annie ist sauer auf ihre Mutter und geht aus Trotz mit ihrem kleinen Bruder an einem regnerischen Tag angeln. Dabei werden die beiden Kinder Zeugen eines grauenhaften Schauspiels. Ein Mann wird von drei weiteren Männern regelrecht mit mehreren Schüssen hingerichtet. Annie und William fliehen, doch die Männer sind den beiden dicht auf der Spur.
"Stumme Zeugen", im Original mit dem passenderen Titel "Blue Heaven" versehen, ist einer der besseren Thriller auf dem Büchermarkt. C. J. Box, der mit seiner Joe Pickett Reihe verschiedene Preise gewann, legt hier einen mehr als gelungenen Einzelroman vor. Dabei lässt er den Leser zwar fast von Anfang an ins Geschehen stürzen, behält aber sein Augenmerk ganz besonders auf den Protagonisten. Neben Annie und William existieren weitere vielschichtige Charaktere und die Handlung wird auf alle gleichmäßig verteilt. Dabei hält Box seine Kapitel angenehm kurz - manchmal zu kurz, weil man gerne weiter über die gerade handelnde Person lesen würde.
Etwas verwirrend sind anfangs die vielen Namen und durch die wechselnden, parallelen Handlungen weiß man manchmal nicht, welcher Erzählstrang nun nochmal zu welcher Person gehört. Das gibt sich aber im Laufe des Buches und man gerät in den Sog der Geschichte. Sprachlich gibt es an "Stumme Zeugen" nichts auszusetzen. Weder fielen mir stilistische Mängel noch Mißgeschicke des Übersetzers besonders auf. Im Gegensatz dazu vermag der Autor allerdings auch nicht durch ausgefeilte Satzkonstrukte zu glänzen.
Ich würde nicht so weit gehen und das Buch als einen der "besten Thriller des Jahres" (Tess Gerritsen auf dem Cover) bezeichnen, aber definitiv gehört es zu den besseren Werken dieses Genres.