Verständlich wird es, warum Gurjewitsch zu den wenigen russischen Historikern gehört, deren "Werke im Westen rezipiert werden" (Klappentext), wenn man sein Buch gelesen hat. Mit knapp vierhundert Seiten ist es sicher kein schmalspuriges Werk, aber es liest sich jedenfalls flüssiger als manches Taschenbuch - denn was dem Interessierten hier geboten wird, ist wirklich erstklassig.
Der Autor gliedert sein Werk in drei Teile; das frühe, das hohe und das späte Mittelalter. Durch jeden Teil führt er uns anhand kirchlicher und literarischer Schriftquellen sowie Episoden über einzelne Persönlichkeiten, die für die jeweilige Epoche aussagekräftig sind. So führen die Abhandlungen über das Nibelungenlied und über den Prediger Berthold von Regensburg immer zum selben roten Faden: der gesichtslosen, grossen Masse des Mittelalters - dem Bauernstand. Dem Leben und Denken des gemeinen Volkes dieser Zeit widmet er als einer der wenigen Wissenschaftler sein Hauptaugenmerk, denn diese Gesellschaftsschicht hinterlässt keine schriftlichen Zeugnisse, ihre Mitglieder hatten nicht das Privileg, schreiben und lesen zu lernen. Umso wichtiger ist es, aus den kargen Informationen, die existieren, das Nötige herauszulesen. Und dies ist in diesem Falle brilliant gelungen - ein so vielschichtiges, spannendes Werk mit so vielen Ansätzen, sich einem Thema anzunähern - und dazu in so wissenschaftlicher Weise - wird man selten finden. Dieses Buch ist für jeden Mittelalter-Interessierten definitiv ein Leckerbissen!