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Klaus Böldls beeindruckendes Début
Dass es die Furchtsamen sind, die am Ende immer recht behalten, geht dem Erzähler gegen Schluss seiner Eintragungen ins Wachstuchheft durch den Kopf, während Lisas Grab mit dem Presslufthammer ausgehoben wird auch im Sommer braucht man in Grönland «nicht tief zu graben, um auf gefrorene Erde zu stossen».
Nur an der Oberfläche bewegen die «Schrecken des Eises und der Finsternis» den Erstling des 33jährigen Klaus Böldl. Das Buch teilt mit Christoph Ransmayrs Romandébut von 1984 ein anderes, tiefer liegendes Motiv: Es ist der Befund, dass die Tragweite dessen, was ist, nur an dem zu ermessen sei, was gewesen sein könnte.
In einer zwischen Fahrigkeit und somnambuler Präzision schleifenden Prosa verschweigt Böldls Erzähler das, was möglicherweise geschieht, ebenso wie das, was möglicherweise geschah. Was fassbar bleibt, ist Schauplatz, sind Kulissen. An den leis splitternden Rändern dreier Landschaften, der grönländischen der Gegenwart, der inneren der Kindheit und der aus der Weisse der Heftseiten gewonnenen seiner näheren Vergangenheit, errichtet der Erzähler die Leerstelle, in der er in einem «unendlich langsamen Vorhandensein» verschwinden möchte.
Drei Landschaften verlieren sich in den «unendlich geringfügigen Bewegungen und Veränderungen» des allgegenwärtigen Eises. Was stetig wächst, ist die über den weissen Flächen liegende Leere und Kälte, beides noch einmal zerklirrend in einer «selbst in den hellsten Mittagsmomenten deutlich spürbaren Nächtlichkeit», die ihn dazu bewegt, mitten im Notieren sich zu bestätigen: «Mein Name ist Johannes Grahn, meine Aufgabe besteht darin, die Hotelgäste vom Helikopterplatz abzuholen und sie nach dem Ende ihres Aufenthalts wieder dorthin zurückzubringen.»
Obwohl er doch so offensichtlich nichts zu verbergen hat, sieht er das grönländische Dorf als Zuflucht, als Versteck. Und obwohl er sich nichts hat zuschulden kommen lassen, scheint er gesucht zu werden, lebt er seine «Unauffindbarkeit», weitab vom Wunsch, sich «in irgend jemand, in irgend etwas anderes zu verwandeln». In der Larve seiner Hoteldienerrolle beobachtet er seine Umgebung, lauschend den inneren und äusseren Beinahegeschichten, «die vielleicht nicht wirklich etwas bedeuten, aber gerade deswegen Erinnerungen oder Phantasien um sich anordnen, wie ein Kristall».
Seinem Zweifel, ob seine Aufzeichnungen «die Sicherheit gefährden könnten», darf man ein beruhigendes «Aber ja!» entgegenhalten; es mag Bestätigung sein für das Gelingen eines Romans, der, indem er alles als immer schon durchschaut behauptet, einer umfassenden Verschleierung der Wahrheit, der des Tatsächlichen wie der des Möglichen, in panischer Beflissenheit zuvorkommt.
Angst, hauchfein, in homöopathisch verdünntem Auftrag, liegt wie Kunsteis über dieser verstörend blässlichen, nach unten/innen weit klaffenden Prosa. Der Autor kommt mit wenig Personal aus. Da ist etwa der Dorfarzt Dr. Rask, mit dem der Erzähler sonntags Schach spielt und der ihm den Bericht über Julius Payers «Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition» zu lesen gibt. Da ist das Eskimomädchen, dessen Grab in die Erde gehämmert wird. Und da ist/war offenbar auch Agnes, die unter ebenfalls ungeklärten Umständen ums Leben gekommene Zufallsliebe. Und da ist, überdeutlich dubios herumgeisternd, nicht zuletzt der aus Wien angereiste Hotelgast, Markus Brack nennt er sich, von dem keiner zu sagen vermag, ob seine im Vollrausch eingezogenen Erkundigungen ihm selbst oder dem Erzähler gelten.
Letzterer weiss es am allerwenigsten; das freundschaftlich-klärende Wort des alten Dorfarztes klingt da geradezu treuherzig: «Vielleicht werden Sie darum kämpfen müssen, weiterhin Johannes Grahn zu sein.» Er war es nie.
Bruno Steiger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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in dem buch pasiert eigentlich nichts. aber das ist keinewegs langweilig. es ist ein großer unterschied ein buch über die langsamkeit zu schreiben oder ein langsames oder gar langweiliges buch. natürlich hat das buch irgendeine handlung - der held arbeitet in grönland als chauffeur und spielt schach mit dem dorf-arzt, ein hotelgast kennt ihn aus österreich - aber das ist unwesentlich. ich habe das buch im sommer gelesen und mir hat der kontrast zwischen flirrender hitze auf meinem balkon zur kühle grönlands gut gefallen. obwohl das buch auch im sommer spielt ist dort viel die rede von kälte und eis.
meiner meinung nach geht es in dem buch um eine verlangsamung der dinge, um den rückzug aus dem mitteleuropäischen immer schneller und immer mehr.
eine eher ironische und leicht zu übersehende anmerkung ist, dass das buch in ost-grönland spielt. ost-grönland ist so ziemlich das äusserste ende der welt. bis vor einigen jahren, waren dort sateliten-schüsseln verboten, weil die regierung davon ausging, dass die bevölkerung dort so weit hinter der entwicklung der welt hinterher ist, dass dieses neue und viele fernsehen einen nur schädlichen einfluss auf die sowieso hauptsächlich durch arbeitslosigkeit und alkoholismus geprägte bevölkerung haben würde.
ein sehr empfehlenswertes und keineswegs depressives buch.
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