Es kommt reichlich pompös daher, Stuart Pigotts neuestes Werk zum Thema Wein. Der in Deutschland ansässige englische Weinkritiker erklärt seinen Führer bereits auf dem Titel zu einem "genialen" Werk. Gleich auf der ersten Seite wird der Leser aufgefordert, Namen und Telefonnummer einzutragen - denn neben den Bemerkungen und Benotungen des Autors fänden sich in dem Buch schließlich auch die des Besitzers des Buches, "gleichwertig und gleichberechtigt mit den Bewertungen von Stuart Pigott". Solcherart auf eine Ebene mit Weinkritiker gehoben, macht sich jeder Leser sich gerne an die Erkundung des Werkes.
Gleich auf den ersten Seiten stellt Pigott fünf "Gesetze" auf, die mit den falschen Dogmen der Weinwelt aufräumen sollen, danach folgt einer Liste der "zehn größten, dümmsten und schlimmsten Wein-Irrtümer". Irgendwie hat man aber das Gefühl, all das schon tausendmal gelesen und gehört zu haben.
Der Autor verspricht, mit seinem Führer einen anderen Weg zu gehen. Doch ach, was danach kommt, unterscheidet sich nur unwesentlich von anderen, mindestens ebenso "genialen" Büchern wie dem "Kleinen Johnson" oder dem Eichelmann: Eine kurze Erklärung der Rebsorten, eine Erläuterung irreführender Bezeichnungen auf den Etiketten, ein paar Tipps zum Servieren von Wein, und dann geht's hinein in die Auflistung von Pigotts bevorzugten Tropfen - immerhin schön gegliedert in rote und weiße, trockene, süße und Schaum-Weine. Warum die über ¤50 teuren Spitzengewächse dann am Ende nochmal in drei eigene Kapitel gepackt werden, bleibt das Geheimnis des Autors. Die Gliederung des Buches wird dadurch leider etwas verwirrend.
Statt den berühmten Parker-Punkten vergibt der Autor stattdessen Pigott-Punkte, eigentlich fünf an der Zahl, de facto aber sechs, denn auch ein "PPPPP!" existiert. Der Leser wird eingeladen, neben Pigott-Ps seine eigenen Noten zu schreiben. Ich halte das für einen Gimmick, denn viele der von Pigott verkosteten Weine sind schwer erhältlich in Deutschland, und Hilfestellungen diesbezüglich (Bezugsquellen, Kontaktadressen der Weingüter, u.ä.) sind leider nicht vorhanden. Die Weingüter selbst werden nicht vorgestellt, lediglich die ausgewählten Weine kurz beschrieben.
Positiv hervorzuheben ist, dass der Autor der wichtigsten deutschen Weingüter entsprechend würdigt. Seine ganze Verachtung gilt dagegen einigen Grand Crus aus dem Bordeaux, die er gnadenlos niedrig bewertet. Auch wenn ich selbst noch nie in den Genuss eines Lafite Rotschild gekommen bin: Haben denn alle anderen renommierten Weinkritiker (Parker, Bettane, Desseauve, etc.) Unrecht, die diesem Wein ein konstant hohes Niveau bescheinigen? Es ist ja ehrenhaft, Denkmäler vom Sockel stürzen zu wollen - aber auch solche, die zurecht auf dem Sockel stehen?
In seinem Sturm und Drang schießt Pigott etwas über das Ziel hinaus. Die Übersetzung aus dem Englischen durch seine Frau Ursula Heinzelmann ist weitgehend gelungen, von einigen Schnitzern einmal abgesehen ("a mouthful" mit "ein Maul voll" zu übersetzen, wirkt etwas seltsam).
Das Büchlein mag hilfreich sein für "Weinanfänger", für alle anderen sind aber doch andere Weinführer besser geeignet.