Wenn immer die Diskussion darauf kommt, was eine Wissenschaft zur Wissenschaft macht, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen und wie "sicher" sie sein können - ist es keine schlechte Idee, diesen Klassiker der Wissenschaftstheorie aus dem Bücherregal zu holen. Für mich war der Anlass die derzeit wieder aufflammende Diskussion um Kreationismus und die Frage, was Wissenschaft von Religion und Glaube unterscheidet, und wie gesichert die Evolutionstheorie sei.
Thomas Kuhns Essay wurde ausgiebig rezensiert. Ich möchte hier auf einen Aspekt hinweisen, den ich kaum kommentiert fand: Thomas Kuhn sieht eine Analogie zwischen der Evolution (der Organismen) und der Evolution wissenschaftlicher Ideen.
Thomas Kuhn definiert eine Periode normaler Wissenschaft, während der die herrschenden Meinungen, Theorien und Methoden (die gültigen Paradigmen) vertieft werden. Diese Wissenschaft strebt nicht nach "Tatsachen" und nicht nach neuen Theorien, sondern lotet aus, welche Probleme mit dem herrschenden Paradigma zu lösen sind. Aber genau dadurch, dass Paradigmen definiert werden finden Wissenschaftler Ergebnisse, die unerklärlich bleiben. Da diese Rätsel mit dem herrschenden Paradigma nicht gelöst werden können, entsteht eine Krise.
In der Krise kommen neue Paradigmen auf, die miteinander konkurrieren. Allerdings kann kein Paradigma alle Rätsel lösen. Es setzt aber sich jenes Paradigma durch, das für diejenigen Rätsel eine Erklärung bietet, die als die wichtigsten eingeschätzt werden. Dieser als Paradigmenwechsel bezeichnete Vorgang ist somit weder notwendigerweise ein Schritt näher zur "Wahrheit", noch ist es ein *gezielter* Schritt zur "Wahrheit". Der Paradigmenwechsel versucht lediglich, eine Erklärung für ausgesuchte Rätsel zu finden.
Und hier zieht Thomas Kuhn die Parallele zu der Theorie Darwins, die zu seiner Zeit (und teilweise auch noch heute) am heftigsten bestritten wird: Die Evolution ist *nicht* zielgerichtet; sie schreitet voran durch Veränderung und Auslese. Und so wenig wie die Evolution "zielgerichtet" voranschreitet (um die "Krone der Schöpfung zu schaffen"), so wenig zielgerichtet schreitet Wissenschaft voran, "um der Wahrheit näher zu kommen".
Der Essay liefert, trotz der skizzierten Beispiele aus den Naturwissenschaften viel Theorie und ist nicht immer ohne weiteres nachzuvollziehen. Wer anschaulich beschriebene praktische Beispiele aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen nachlesen möchte, sei als Ergänzung Heinrich Zankl "Der große Irrtum - Wo die Wissenschaft sich täuschte" empfohlen.
Wer profitiert von dem doch anspruchsvollen wissenschaftstheoretischen Buch? Nun, zunächst jeder, der wissenschaftlich tätig ist. Naturwissenschaftlern möchte ich es besonders ans Herz legen. Und dann ist es für jeden ein Gewinn, der sich mit der Frage, was Wissenschaften zu leisten vermögen (und was nicht), auseinandersetzen möchte.