Kurzbeschreibung
In einer Verbindung von ikonographischer und formanalytischer Methode geht diese Studie in zwei Werkbereichen dem Zusammenspiel von >>Struktur<< und >>Erscheinung<< in Dürers Graphik nach. Der erste Werkbereich sind sechs um 1502 datierte Stiche, bei denen es sich , so die in der Arbeit vertretene These, um Planetendarstellungen handelt, die in formaler wie ikonographischer Hinsicht von großem Reiz sind. Dürer greift in dieser Werkgruppe auf die Zuordnung von Planeten und Buchstaben (>A< Saturn, >E< Jupiter, usw.) zurück und schreibt seine Planetenfiguren - in Anlehnung an die Tradition der Figurenbuchstaben - in die entsprechende Gestalt der Minuskelform der >Vokale< ein. Er benutzt die Buchstabenform als Schema der Figurenkonstellation. Im Anschluß an ihre formale und ikonographische Analyse werden Dürers Stiche in ihrem historischen Kontext diskutiert, vor allem also in ihrem Verhältnis zur Tradition von Figurenbuchstaben und Buchstabenbilder. Der zweite Werkbereich sind die Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians I. Bei aller Wertschätzung und Aufmerksamkeit, die man Dürers Randzeichnungen entgegenbrachte, blieb das Prinzip ihrer Linienkunst bisher unverstanden: die metamorphotische Entsprechung von Linienfiguren. Diese Entsprechungen - deren Entdeckung wesentlich zur Klärung des Verhältnisses von Text und Illustration beiträgt - bestimmen den Verwandlungsbezug zahlreicher Liniengebilde unterschiedlicher Realitätsstufen. In gewissem Sinne sind die elaborierten Linienarabesken der Randzeichnungen das Dürersche Äquivalent zu Leonardos Fleck. Das Verständnis des künstlerischen Schaffens, das sich in den Arabesken der Randzeichnungen ausspricht, verweist sich als verwandt mit der Idee der biologischen Zeugung, wie sie Paracelsus in seinem >>Buch von der Gebärung (...) in der Vernunft<< entfaltet. Die von Dürer betonte Einheit der Linie von Arabeske, gegenständlicher Darstellung und Text läßt seine Randzeichnungen als einen Höhepunkt europäischer Schriftkultur erscheinen, als Initiale des modernen Verständnisses von der Schriftlichkeit der Welt.
Über den Autor
F. T. Bach, geboren 1944, Studium der Geschichte, Germanistik, Politikwissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen, Wien, Paris, New York und New Haven, 1984 Promoion in Kunstwissenschaft, Philosophie und Germanistik. Seit 1994 Professor am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien. Publikationen über Brancusi und Dürer sowie zahlreiche Beiträge in Kunst- und kunstwissenschaftlichen Zeitschriften und Katalogen.