Durs Grünbeins neuer Gedichtzyklus Strophen für übermorgen nennt der Verlag ein Buch des Übergangs und der Verwandlungen, eine Anverwandlung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sehr wandlungsfähig sind Grünbeins Metrik und Strophenformen. Er findet sehr viele Ausdrucksformen und Kombinationen dafür aus der reichen Geschichte der Poetik und sucht sie in einer modernen Sagweise dem zeitgenössischen Bedürfnis nach einer lyrischen Sprache in schnelllebiger Zeit anzupassen. Auch ungewöhnliche Reimungen sind dabei , Reimformen, die modern anmuten, es vielleicht sind, aber dem, der sie liest, der sie lyrisch sprechen oder singen will, ungewöhnlich und schwer von den Lippen gehend oder einfach nur ungewöhnlich bleibend (z.B.: Wiege Fliegen; u.a.).
Aber das Buch ist in den Bildern und Geschichten, den Gemälden und Ereignissen, die es in lyrischer Sprache ausbreitet, vor allem ein Buch des Erinnerns. Es erinnert an eigene, konkrete Erfahrungen von des Autors Berliner Zeit, seiner Wahrnehmung von Trennung und Gemeinsamkeit, vom gesellschaftlichen Stillstand und vom politischen Wandel; bis hin zur Sehnsucht nach dem anderen und nach der Überquerung der Alpen, immer auf der Suche, einer tragischen Selbstversicherung in der Ahnung einer neu entdeckbaren Antike, einer neu anzuverwandelnden Liebes- und Lebensstudie bildlich, ja sinnbildlich beschworen in einer versprochenen Symbiose der drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Insgesamt scheint mir, dass der Verlag viel verspricht, sehr viel, was der Lyriker kaum einlösen kann: der Reichtum der Bilder, der Disparatheit der Metrik, des Sprachgestus, der offenen und geöffneten Formen macht es schwer, all diese Erwartungen zu bedienen. Ich hatte manchmal den Eindruck, weniger könne mehr sein; dass die Beschränkung den Reichtum ausgemacht hätte. Aber in einer Zeit, in der Lyrik sowieso beim Leser einen schweren Stand hat, wird man auch in der Lyrik mehr Vielfalt anbieten müssen als sprachlich-bildliche Bescheidenheit zu pflegen. Also ist das Buch und sein Autor wohl doch auf dem richtigen Weg.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend; 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.