Das Buch behandelt ein Thema, das vielen Energiewirtschaftlern auf den Nägeln brennt: Marktmodelle in liberalsierten Energiemärkten und hier primär die Stromwirtschaft. Das Buch hat die Stärken in den allgemeinen und nicht mathematischen Einführungen in das Thema, kann aber hier nicht an das Standardwerk dieser Branche "Risikomanagement" von Claus Bergschneider heranreichen. Nervig ist die konsequent falsche Bezeichnung des Börsenproduktes "Futures" - er wird in dem Buch grundsätzlich Future (sic) genannt. Die wichtige finanzmathematische Abgrenzung zwischen einem Futures und einem Forward fehlt.
Das eigentlich interessante Thema, die mathematische Modellierung von stündlichen Spot-Preisprozessen steht auf wackeligen Beinen. Die sehr wichtige Saisonalität wird mit einer PCA ermittelt und die Faktorladungen dieser PCA werden stochastisch modelliert. Momentan ist es aber Stand der Technik den logarithmierten Preisprozeß als Summe einer Saisonfunktion und eine stochastischen Komponente zu betrachteten. Insofern stellt der in diesem Buch dargestellte Ansatz ein Novum dar und der lakonische Hinweis, dass Nichthandelstage der EEX (Strombörse in Leipzig) zusätzlich mit einer Regression berücksichtigt werden müssen, hilft nicht wirklich weiter. Für mich war das Verfahren in letzter Konsequenz nicht nachvollziehbar und weitere und detailiertere Erklärungen von Nöten gewesen. Eine Bewertung und ein statistischer Vergleich der Ergebnisse fehlt.
An anderer Stelle besprechen die Verfasser die risikoneutrale Welt im Zusammenhang mit risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten. Dabei handelt es sich nach meiner Meinung um reale Wahrscheinlichkeiten, die mit einem risikoneutralen Zinssatz diskontiert werden. Im Gegensatz dazu werden in einer Welt die nicht risikoneutral ist, die risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten diskontiert. Ein kleiner und feiner Unterschied, der Newcomern oft Probleme bereitet. Hier sollten interessierte Leser lieber das Standardwerk von Hull zu Rate ziehen an dessen mathematische Herleitung sich die Autoren ohnehin angelehnt haben. Hull trifft die verbalen Erklärungen aber wesentlich besser. Eine Referenz an das zentrale Theorem von Girsanov fehlt in diesem Zusammnehang vollkommen. Dem Leser wird eine Menge Recherche-Arbeit bevorstehen, wenn er das Thema wirklich fassen und verstehen möchte.
Last but not Least eine typische Schwäche von Büchern dieser Art: Einfache und triviale Themen werden ad nauseum besprochen. Die Einführung der Brownschen Bewegung wird z.B. so ausführlich behandelt, dass man die entsprechenden Seiten unweigerlich überschlägt. An anderen Stellen werden dann aber wichtige Themen wie z.B. das ITO-Calculus (wer kennt das schon) lediglich mit einem Satz eingeführt und ohne weitere Erklärungen benutzt. Wie ein Leser, dem im Buch zunächst wirklich grundlegende mathematische Axiome vermittelt werden, plötzlich die Welt des ITO-Calculus begreifen soll bleibt mir schleierhaft.