Zwei Dinge stehen bereits vor der Veröffentlichung von "Strom und Drang" fest: "Fettes Brot" sind mit ihrem letzten Album "Am Wasser gebaut" endgültig von der Erfolgswelle mitgerissen worden und haben zudem erstmals mit einer Mischung aus gewonnener Reife und Spaßattitüde ein über Vergleiche erhabenes Werk abgeliefert. Seit nun mehr 15 Jahren liefert die selbst ernannte Dreifaltigkeit des deutschen Hip Hop in stiller Regelmäßigkeit kleine und große Clubhits ab und sind für ihre lebhaften Bühnenauftritte bekannt. Neben allen Albernheiten hat sich mit der letzten Platte auch eine nachdenklichere Seite der Hamburger aufgetan, die nicht zuletzt mit dem Erfolg der Single "An Tagen wie diesen" gedankt wurde. Die Hamburger Szene war und ist schon immer eine besondere und rückblickend ist es erstaunlich, welche Entwicklung einstige Weggefährten wie Tobi Tobsen (5 Sterne Deluxe, Moonbootica), DJ Rabauke (Eins Zwo), usw. genommen haben. Kollaborationen mit gestanden Acts wie den "Ärzten", "Beginnern" oder "Fanta 4" unterstreichen die musikalische Breite.
"Strom und Drang" markiert nun den 6. regulären Langspieler ihrer Karriere und Erfolg verpflichtet immer auf eine gewisse Weise. Somit war klar, dass die erste Single "Bettina, zieh Dir bitte etwas an" ein Track der Marke "Schwule Mädchen" und "Emanuela" sein muß - die Partygemeinde möchte unterhalten werden. Gemeinsam mit dem Berliner Produzenten/DJ Duo "Modeselektor" fällt diese auch gleich mal ungewohnt elektronisch aus. Offen für Neues lässt sich das Album auch in seiner Gesamtheit auf einige Experimente ein. "Erdbeben" stellt mit stampfenden Beats eine Liaison zwischen Miami Bass und Cheerleader Chants dar. Auch "Das traurigste Mädchen der Stadt" lässt die Elektronik sprechen und glänzt neben melodischen Synthieklängen und Refrain mit einem Gastaftritt der Sängerin Mieze (Mia). "Ich lass Dich nicht los" geht auch inhaltlich etwas anspruchsvoller zu Werke und behandelt, erneut unterstützt von Pascal Finkenauer, das Thema "Stalking" auf intelligente und kritische Weise. Dennoch haben sich die Brote leider etwas von ihrem einstigen Pfad abgekehrt. Spaß hat sich wieder massiver in den Vordergrund gestellt und selbst nachdenklichere Versuche wie "Hörst Du mich?" oder "Automatikpistole" erreichen nicht ansatzweise die Qualität der 2005er Finkenauer Kollaboration "An Tagen wie diesen". Es hinterlässt nach musikalisch und lyrisch durchschnittlichen Tracks wie "Schieb es auf die Brote" oder "Lieber verbrennen als erfrieren" eher den Eindruck unbedingt noch einmal eine moralischen Akzent setzen zu wollen. Man muß natürlich zu Gute halten, dass sich "Fettes Brot" mit jedem Album immer ein Stück weit neu erfinden - auch in diesem Fall. Elektronische Elemente, Old und New School Hip Hop oder am Ende doch eine seichtere Popnummer (Das allererste Mal), aber wenn man sich (zu Recht) mit einer Platte wie "Am Wasser gebaut" den Erfolg verdient hat, muß man sich konstruktiver Kritik stellen müssen und manches klingt einfach zu gewollt und auf funktionierende Bühnenshows zukonstruiert. Die Gefahr liegt bei solchen Nummern immer darin, dass sie eine Halbwertszeit von einem Fischbrötchen haben. "Spaß muß sein" - ihr habt ja recht, aber wenn es darum geht, ob sich "Fettes Brot" ein weiteres Mal steigern konnten, dann heißt die Antwort: "Ja klar.....äh nein....ich mein....Jein!"
Anspieltipps: "Das traurigste Mädchen der Stadt", "Erdbeben" und "Ich lass Dich nicht los"