"...just a minute, though!" Jaggers humorige Ansage im Anschluss an Dead Flowers verdeutlicht sehr gut die humorvoll-entspannte Spielfreude, die das Album ausstrahlt. Man merkt den Stones an, wie viel Spaß sie bei den Aufnahmen hatten; als Keith die Einleitung von Love in vain verpatzt, amüsieren er und Ronnie sich prächtig und lassen sie drin, und Ronnie schraddelt unbekümmert mit seiner Slidegitarre immer mal wieder haarscharf auf der Suche nach dem richtigen Bund an eben jenem vorbei.
Die meisten nannten es damals "Unplugged", Page & Plant "unledded", bei Joe Cocker hieß es "Organic", und bei den Stones natürlich "Stripped", also in etwa "abgespeckt, entschlackt", aber eben auch "entblättert", je nach Standpunkt. Ganz "unplugged" war es ja auch nicht, schließlich blieben bei einigen Songs die E-Gitarren eingestöpselt, und das war auch gut so. Interessanterweise wählten die Stones fast nur Songs von 1964-1973 aus; die Ausnahme bildet die endgültige Version von Slipping away, die mich, anders als die '89er Studiofassung, erst überzeugen konnte.
"Stripped" (59:42), entstanden bei der "Voodoo Lounge"-Tournee '94/'95, ist das bis heute originellste Tour-Mitbringsel der Rolling Stones. Warum es allerdings immer wieder unter "Live-CD" firmiert, kann ich nicht ganz nachvollziehen; es mag ja sein, dass die Songs größtenteils ohne Overdubs auskamen, aber vor Publikum scheinen mir nur Street Fighting Man, Like a Rolling Stone, Shine a Light, Dead Flowers und Angie mitgeschnitten worden zu sein, die restlichen neun Songs sind Studioaufnahmen.
Aber egal, das Konzept zählt, und das hat Bestand: mit den Akustikgitarren, die Street Fighting Man antreiben, nähert sich die Band wieder der Rangehensweise an die '68er Studioaufnahme. Not fade away war der Opener bei dieser Tournee, Angie wurde um eine Minute gekürzt gespielt, was ihr gut tat, Shine a Light war kompakter als die Studiofassung, und Songs wie Dead Flowers, Sweet Virginia oder Let it bleed flockten gut gelaunt vor sich hin (wenn auch letzteres einiges von der ursprünglichen Düsternis eingebüßt hat). Aus der etwas unbeholfenen Beat-Band-Nummer I'm free machen die Stones dreißig Jahre später ein kleines, aber schimmerndes Juwel, und aus der Satisfaction-UK-B-Seite The Spider and the Fly blitzt Jaggers Humor auf, wenn er statt der ursprünglichen Zeilen "she was comin' flirty, she looked about thirty" (das war für den Mittzwanziger seinerzeit offenbar gruselig alt!) selbstironisch singt, dass sie mittlerweile fünfzig ist. Obwohl der Blues Little Baby Premiere auf einer Stones-CD feiert, ist er als Schlussnummer vielleicht doch nicht die glücklichste Wahl.
Zwei Songs waren die ganz offensichtlichen Single-Auskoppelungen: Bob Dylan mag Like a Rolling Stone weder für noch über die Stones geschrieben haben, aber ich musste schon schmunzeln, als sie es am 19.8.'95 auf dem Hockenheimring spielten! (Die Karte kostete noch 65 DM, wohlgemerkt.) Wild Horses, seit 1971 eine der eindringlichsten Balladen in ihrem Repertoire, erreicht durch die leicht gestraffte Neuinterpretation sogar noch etwas mehr an altersweiser Intensität; sie gehört zu Charlies Lieblingseinspielungen.
Auf den Maxi-CDs Like a Rolling Stone, Wild Horses und I go wild fanden sich noch geile Versionen von Live with me und Tumbling Dice (beide tauchten auf "Rarities 1971-2003" wieder auf), All down the Line, Black Limousine, I go wild und meine Lieblings-Liveversion von Gimme Shelter, auf dem "Hope floats"-Soundtrack gab's noch Honest I do, alle ebenfalls von dieser Tournee und mühelos das "Stripped"-Niveau haltend.
Beim Remaster von 2009 kann ich beim besten Willen keine Klangbearbeitung oder gar -verbesserung feststellen, was beim fantastischen Klang des Originals auch gar nicht vonnöten war. Wer also seine Original-CD noch hat, braucht sie nicht zu entsorgen und kann sich weiterhin am CD-ROM-Teil erfreuen, der bei der Neuauflage nicht mehr enthalten ist.