Der Klappentext klang ordentlich spannend. Die Erwähnung, dass der Thriller in zig Länder verkauft wurde, hat mich - zugegeben - gereizt. Das ultimative Thriller und Mystik-Erlebnis blieb mir jedoch verborgen, möchte ich meiner Bewertung gleich voranstellen. Gefallen hat mir die Sprache und das Leseerlebnis als Gesamtes.
Nach den ersten 50 bis 100 Seiten war ich dramatisch angetan von STRINDBERGS STERN, doch dann baut der Thriller eher enttäuschend ab --- doch der Reihe nach...
Der Hobby-Taucher Erik Hall findet in einem Stollen in Falun (wir befinden uns im Übrigen in Schweden) eine Leiche, die er zunächst als Frau identifiziert. Ein seltsames Verwirrspiel, in dem auch die Medienberichterstattung ihr Fett weg bekommt, beginnt. Die Leiche ist kein Mordopfer und auch kein Mann. Letzteres wird schnell klar, als die Leiche nämlich geborgen wird, ersteres erklärt sich erst viel später im Verlauf des Romans. Der seltsam eigenbrötlerische Taucher lässt vom Fundort auch ein wichtiges Artefakt mitgehen; was sich allerdings erst eine Weile später herausstellt, als ihm nämlich schon eine junge Italienerin (mit unbekanntem Motiv, aber mystisch anmutendem Hintergrund) auf den Fersen ist, die sich als Journalistin ausgibt. Was für ein Glück (für uns als Leser!), dass Don Titelmann, mit dem Erik Hall eigentlich schon seit Tagen sprechen wollte, nicht eher bei Hall aufgetaucht ist, da hätte sich nämlich einiges schon viel eher klären lassen. Andererseits hätte es dann keinen weiteren Toten gegeben und Don Titelmann wäre auch nicht - unter Verdacht den Taucher ermordet zu haben - von der Polizei festgenommen worden und so wäre auch die smarte Anwältin Eva Strand nicht zu seiner Verteidigung wie aus dem Nichts aufgetaucht.
Überhaupt: Don Titelmann. Ein kurios verkorkster Hauptcharakter. Seiner jüdischen Abstammung wird man durch die Einflechtungen seiner Kindheitserinnerungen an seine Großmutter "Bube" gewahr. Die Geschichten und ihre Erlebnisse (als Versuchskaninchen für die grotesken Nazi-Forschungen an Menschen), die sie ihm, dem kleinen Jungen erzählt, sind für ihn prägend. Hinzu kommt ihre seltsame und für ihn unerklärliche Sammelleidenschaft: Nazisymbole. Vermutlich um all diese Erlebnisse seiner Kindheit zu verkraften wirft sich Don Titelmann im Erwachsenenalter und as studierter Doktor der Psychologie, im Stunden-Takt Psychopharmaka ein, dass es die wahre Freude ist.
Der Strudel der Ereignisse - um es hübsch pathetisch auszudrücken - treibt ihn und seine Anwältin - über Belgien und Deutschland in eiskalte Gefilde und schließlich gerät er in diverse "sagenumwobenen Sphären", um die es bei STRINDBERGS STERN eigentlich geht.
An dramatischen Wendungen mangelt es dem Roman nicht, an Spannung zuweilen sehr wohl. An manchen Stellen wird einiges Hintergrundwissen bis ins kleinste Detail erläutert, und dann wieder lässt einen der Autor so manches mal mit Erklärungen über die Motive und Fähigkeiten seiner Charaktere im Unklaren.
STRINDBERGS STERN ist ein kruder Mix, den ich beim besten Willen nicht in eine Schublade (Thriller, Mystik, Symbologie, Nazi-Kult, Übermenschen, Unterwelt, Fantasy...) zu stecken in der Lage bin. Es geht jedenfalls um zwei Gegenstände (ein Anch-Kreuz und einen Stern) die eine fantastische (unfassbare) Macht in sich bergen. Eingebettet ist der Thriller in eine ebenso unglaubliche Schnitzeljagd...
Ich finde den Roman nicht herausragend im Sinne von "Muss man gelesen haben", sondern herausragend, weil total anders als erwartet und erfrischend vom gängigen Mystik-Thriller-Genre abweichend. Das Unvorstellbare und Unglaubliche an dem Konstrukt hat mich trotz allem über die eine oder andere Länge am Ball gehalten.
Vielleicht gibt's ja irgendwann wieder etwas von Jan Wallentin, nur dann hoffentlich mit einem anderen Charakter als Hauptakteur.