Männer kennen das!
Eigentlich will man sich abends nur noch schnell ein wenig durch die Sender zappen, doch damit ist urplötzlich Schluss und man muss sich mal wieder irgendein unbekanntes Filmchen anschauen, das in irgendeiner Programmzeitschrift einen Pfeil nach oben bekommen hat (Once).
Statt Feierabendgefühl - Kultur und Anspruch!?
Schon steht da so ein Straßenmusiker in Dublin und singt etwas, was überall hinpasst, nur nicht auf die Straße, auf der hektische Menschen ihren Aufgaben hinterher eilen.
Fast schadenfroh beobachtet man, wie ihm das eingesammelte Geld geklaut wird.
Ein Hoffnungsschimmer kommt in mir auf, als der Sänger von einem netten armen Ding angesprochen wird, das hinter seiner ärmlichen Erscheinung einen Liebreiz andeutet, der einen gefangen nimmt.
Es ist dieser altbewährte Stoff, aus dem Märchen sind.
Aschenputtel ist nicht nur die Schönste, sondern auch die Netteste - und schon hat mich dieses Filmchen im Griff.
Was folgt, ist eigentlich gar kein Film, es gibt keine Inszenierungen, keine Spannungsbögen, keine für einen Film üblichen Komponenten.
Meint man!
Doch längst ist man mitten drin in allem, was einen wirklich guten Film ausmacht, ohne dass man davon was merken würde.
Ermöglicht wird das alles durch die Erscheinung zweier Hauptdarsteller, die man einfach gern haben muss und ihre authentische, faszinierende Musik, die einen wohl nie wieder loslassen wird.
Kaum ist der Film zu Ende, möchte man ihn wieder von vorne anschauen.
Schon sitzt man vor dem PC und sucht nach Glen Hansard, The Frames, und Once.
Und erfährt, dass da ein D-Zug unterwegs ist, von dessen Existenz man bisher überhaupt nichts wusste und bei dem ein Aufspringen wohl nicht mehr möglich sein wird.
Oder doch?
Natürlich bestelle ich mir die CD mit der Filmmusik. Und dann noch eine von The Frames zum Kennenlernen und Strict Joy von The Swell Season, wie sich die beiden heute nennen.
Mit großer Freude lese ich, dass die beiden Hauptdarsteller seit den Dreharbeiten ein Paar sind. Bravo! Das ist Kino!
Ein paar Tage später liegt sie in meinem Briefkasten, diese CD.
Zu meiner großen Verwunderung, ist es aber gar nicht nur eine CD.
Es ist natürlich die CD, dann aber noch eine Live-CD und noch eine DVD.
Da ich prinzipiell kein großer Freund von Live-CDs bin, liegt natürlich zunächst die Studio-CD auf dem Player. Ja, das ist Musik wie ich sie mag.
Besser arrangiert als im Film, irgendwie sauberer, professioneller. Traurig, schön, beschwingt, ein wenig Simon and Garfunkel, eine Stimme, die mich an Cat Stevens erinnert. Deutliche irische Einschläge, die einen glauben lassen, Mary Black könnte Glens Tante sein; tolle Stimmen, die zusammengehören, wie Liebe und Schmerz.
Doch: Sie ist auch die Musik einer Phase, wie man sie (leider) erwartet hatte.
Natürlich hatte der Film nicht den tatsächlichen Glen Hansard dargestellt und nicht die wirkliche Markete Irglova.
Es war doch nur ein Film.
Ein Film über zwei Menschen, die man deshalb sofort ins Herz schließt, weil sie bei allem, was sie uns zu geben haben, doch auch etwas von uns brauchen.
Sie waren nicht die reichen Superstars, die gar nicht wissen, mit welchem Traumauto sie von Ihrer Villa zum Strandhaus fahren sollen.
Nein, das waren sie eigentlich nicht gewesen.
Doch diese CD holt einen ins Leben zurück, denn tatsächlich hört man Musik von zwei erfolgreichen Musikern. Gekonnt und perfekt.
Der Film ist aus. Die schöne Musik bleibt.
Und doch ist man ein wenig traurig.
Bis man sich die DVD schnappt.
Und schon möchte man wieder die ganze Welt umarmen, denn man hat es wieder, dieses liebenswürdige, fast armselig wirkende Paar!
Glen Hansard steht da mit seiner kaputten Gitarre auf der Bühne und es hat sich nichts geändert. Mit offenen Augen schaut er zwar auf einen gefüllten Theatersaal, aber er sieht nur die Straßen Dublins. Und saugt aus ihnen seine Geschichten für eine Musik, die so voller echter Gefühle ist, dass man in einen dauernden Schwebezustand gerät, zwischen glücklich sein und traurig sein.
Man mag seinen Augen überhaupt nicht trauen, wenn man Marketa sieht, wie sie in einem einfachen langen Rock und Pulli die Bühne betritt. In einer Kleidung also, wie man sie bei uns wohl eher in der Kiste "Für die Gartenarbeit" finden würde. Und doch möchte man sie am liebsten an sich drücken und ihr irgendetwas Nettes sagen.
Das allerdings tun die beiden dann, mit ihrer Musik.
Man sieht, wie sich das Licht auf der Oberfläche des Klaviers bricht und den jammervollen Zustand dieses Instruments offenbart und man ist dabei, seine eigenen Werte zu überdenken.
Kann man doch selbst immer nur mit der besten Kamera fotografieren und nur mit einem Luxusgeländewagen das nächste Einkaufszentrum erreichen.
Da stehen zwei Menschen auf der Bühne, für die es nur eines auf der Welt zu geben scheint: Musik!
Und wer auf der Suche genau danach ist, der muss sich dieses Album zulegen!
Er bekommt eine Studio-CD, die zeigt, was die beiden Musiker können, dann aber eine DVD, die die beiden Musiker so zeigt, wie wir sie mögen und wie wir sie uns wünschen - wie sie für uns bleiben sollen, auch wenn dieser Wunsch zu egoistisch sein wird. Und dann noch eine Live-CD, auf der fast alle Musikstücke sind, die man auch auf der DVD findet und die mich wohl noch einige Monate im Auto begleiten wird.